Wirtschaft : Gefährliche Mischung

Die Offerte von Merck für den Berliner Pharmakonzern Schering wird in der Branche kein Einzelfall bleiben, sagen Experten.´Dabei enden viele Übernahmen im Fiasko.

Maren Peters

Bei Schering ist das Entsetzen groß: Geht mehr als die Hälfte der Papiere des Berliner Pharmakonzerns an den Darmstädter Konkurrenten Merck, wird Schering nach 155 Jahren der Selbstständigkeit gegen den Willen von Vorstand und Aufsichtsrat übernommen.

Die Beraterbranche hat dagegen angesichts der 15 Milliarden schweren Übernahmeofferte allen Grund zur Freude. Für sie geht es um ein dickes Geschäft: In der Regel entfallen 0,125 bis 0,5 Prozent vom Gesamtvolumen des Deals auf ihre Honorare. Mit Hochdruck arbeiteten die Experten der Investmentbanken Morgan Stanley und Dresdner Kleinwort Wasserstein derzeit an Konzepten, die die Schering-Aktionäre bei der Stange halten sollen. Für die Gegenseite schwitzen Berater der Deutschen Bank und Merrill Lynch, um die Offerte zum Erfolg zu führen.

Es dürfte nicht die letzte Schlacht dieser Art gewesen sein. „Weitere Fusionen sind zu erwarten“, sagte Inga Voss, Chefredakteurin des Fachblatts „M&A-Review“ (Mergers&Acquisitions/Fusionen und Übernahmen) von der Universität St. Gallen. „Der Konsolidierungsdruck ist hoch“, bestätigt auch Ralf-Thomas Hillebrand, Sprecher des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller.

Spielraum für weitere Übernahmen ist reichlich vorhanden. Der Markt ist fragmentiert, die größten 20 Pharmakonzerne der Welt vereinen einen Marktanteil von weniger als zwei Dritteln des Gesamtumsatzes. „Gerade in Deutschland gibt es eine Vielzahl von gut aufgestellten Mittelständlern, die sich aktiv in Nischen bewegen“, sagt Stefan Wilhelm, Unternehmensberater bei M&A International. „Wenn sie wachsen wollen, können sie das am schnellsten durch Übernahmen.“ Das nötige Geld sei nach den Restrukturierungen der letzten Jahre – einhergehend mit Kostensenkung und Jobabbau – vorhanden. Auch an der Börse seien die Firmen gut aufgestellt. „Ich erwarte in den kommenden zwölf bis 18 Monaten viel Bewegung auf dem Pharmamarkt.“

Der Konzentrationsdruck wächst. Wegen einer Vielzahl auslaufender Patente für Originalmedikamente droht der Umsatz bei vielen Firmen wegzubrechen. Zu wenig neue, umsatzstarke Mittel kommen nach, um die Lücken zu füllen. Denn die Pharmakonzerne sind nicht so erfolgreich in der Entwicklung neuer Medikamente, wie sie sein müssten, um ihre bisherigen Wachstumsraten zu halten. Wer aus eigener Kraft nicht wächst, sucht nach Übernahmekandidaten. Pharmafirmen leben mit hohem Risiko: Die erfolgreiche Entwicklung eines neuen Produkts kostet nach Branchenangaben bis zu 800 Millionen Dollar. „Das ist eigentlich nur von größeren Firmen zu stemmen“, sagt Barbara Sickmüller, Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie. Ob sich die teure Forschung lohnt und am Ende tatsächlich ein Kandidat die Zulassung erhält, stellt sich oft erst nach Jahren heraus. Das kennt auch Schering: Sein Hoffnungsträger PTK/ZK, ein Krebsmittel, das eine Milliarde Euro Umsatz bringen sollte, fiel in klinischen Studien durch. Selbst wenn das Mittel noch auf den Markt kommt, garantiert niemand dafür, dass sich der hohe Aufwand durch hohe Umsätze rechnet. So geriet der Pharmakonzern Bayer 2001 in die größte Krise seiner Geschichte, nachdem er den Blutfettsenker Lipobay wegen tödlicher Nebenwirkungen vom Markt nehmen musste. Heute ist Bayer zwar wieder die Nummer eins im deutschen Pharmamarkt, im weltweiten Vergleich rangiert der ehemalige Weltkonzern aber weit hinter Giganten wie dem US-Konzern Pfizer oder der britischen Glaxo-SmithKline. Auch Pfizer und Glaxo sind erst durch Fusionen Marktführer geworden.

Von der früheren „Apotheke der Welt“, wie Deutschland einst ehrfürchtig genannt wurde, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Grund sind neben Forschungspech auch große Übernahmen. So wurde der frühere deutsche Pharma- und Chemiekonzern Hoechst 1999 zerschlagen, die Pharmasparte mit der des französischen Konkurrenten Rhône-Poulenc verschmolzen und unter dem Kunstnamen Aventis zu neuem Leben erweckt. Im vergangenen Jahr wurde Aventis von dem französischen Pharmakonzern Sanofi geschluckt. Sanofi-Aventis ist heute zwar der drittgrößte Pharmakonzern der Welt, aber eben nicht mehr deutsch.

Doch während die Fusion von Sanofi und Aventis von Branchenexperten als Erfolg gewertet wird, enden viele Übernahmen als Fiasko. „50 bis 70 Prozent aller Fusionen scheitern“, sagt M&A-Expertin Voss. Messlatte dafür ist meistens die Kapitalmarktentwicklung. Einer der häufigsten Gründe für das Scheitern sei, dass die Einsparmöglichkeiten im Vorfeld der Fusion überschätzt würden, sagt Voss. „Es ist unglaublich schwer, diese Synergien zu realisieren, wenn die Unternehmen nicht wirklich zusammenpassen“, sagt sie. „Größe um der Größe willen funktioniert nicht.“

Auch unvereinbare Unternehmenskulturen und ein zu hoher Preis sind nach Angaben von Thomas Kautzsch von der Unternehmensberatung Mercer Risikofaktoren. „Für Übernahmen wird oft zu viel Geld bezahlt, die Schulden kann das neue Unternehmen später nur schwer schultern.“ Von der Übernahme profitiert haben dann nur die Berater.

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