Wirtschaft : Gefährliche Nähe

Geht es den USA gut, wächst auch Europa – Krieg und Konjunkturflaute treffen beide

Carsten Brönstrup

Die Party auf dem Parkett war schnell vorüber. Beinahe pikiert reagieren die Finanzmärkte in Frankfurt, London und New York, seit die irakische Armee versucht, den amerikanischen Angriff auf ihr Land abzuwehren. Hatten die Börsianer schon eine rasante Kursrallye gefeiert, bevor überhaupt der erste Schuss gefallen war, ist nun Ernüchterung eingekehrt, die Kurse sinken, Öl wird teurer. Die Händler wissen: Im Orient geht es nicht nur um das Schicksal Saddam Husseins. Der Krieg entscheidet auch über die wirtschaftliche Zukunft Amerikas – und damit über die der ganzen Welt. Europa und Japan befinden sich in geradezu babylonischer Gefangenschaft der USA. Stottert der Konjunkturmotor in der Neuen Welt, kommen auch die kleineren Wirtschaftsblöcke nicht vom Fleck.

Trotz der militärischen Übermacht der Vereinigten Staaten ist der Irak-Krieg ein gefährliches Unterfangen. Die Supermacht, die ein Drittel des Weltsozialprodukts herstellt, könnte daheim einen folgenschweren Schwächeanfall erleiden. Schon jetzt wächst das Bruttoinlandsprodukt nur noch mit einer Rate von 1,4 Prozent – ein für US-Verhältnisse lächerlicher Wert. Zwar finanziert Washington den Krieg aus der Portokasse, und Optimisten wie der US-Ökonom Fred Bergsten prognostizieren schon ab Sommer wieder „vier bis fünf Prozent Wachstum“. Doch Zweifel sind angebracht. Wegen der US-Außenpolitik dürften auch nach dem Krieg „enorme Unsicherheiten in der Wirtschaft“ bleiben, fürchtet der Ökonom Steve Hanke von der John-Hopkins-Universität Baltimore.

Doch Ungewissheit ist Gift für die Konjunktur. Schon jetzt zucken die Verbraucher zwischen San Francisco und Miami zurück. Der Konsum, der zwei Drittel der Wirtschaftsleistung ausmacht, schwächelt zum ersten Mal seit Jahren. Selbst in der Rezession hatten die Leute mit vollen Händen ihr Geld ausgegeben. Deshalb sind sie nun enorm hoch verschuldet. Nun aber nehmen Shopping Malls, Supermärkte und Autohäuser plötzlich weniger ein. Und im März ist das Verbrauchervertrauen auf den tiefsten Stand seit einem Jahrzehnt gesunken. „Die Abhängigkeit der USA vom privaten Verbrauch kann sehr gefährlich werden“, sagt Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz.

Hinzu kommen die Strukturprobleme der US-Volkswirtschaft. Seit Jahren lebt sie auf Pump, weil sie mehr Waren und Dienstleistungen einführt, als sie exportiert. Tag für Tag müssen die USA Aktien, Anleihen und Investitionen in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar ins Land holen, um dieses Defizit auszugleichen. Das ist eine latente Gefahr: Sollte der Geldstrom versiegen, könnten der Kurs des Dollar abstürzen, Amerika in einer Rezession und die Welt in Finanzturbulenzen versinken.

Gefahr für Coca-Cola

Noch gar nicht absehen können Wirtschaftsexperten die Folgen der aggressiven Außenpolitik von Präsident George W. Bush auf die Absatzzahlen der vielen multinationalen Konzerne. Die Dominanz von Coca-Cola, McDonald´s, Hollywood und Bruce Springsteen stützt sich auch auf das Image von Freiheit, Unabhängigkeit und Coolness. Doch wenn die Menschen in Asien oder Afrika die USA plötzlich für arrogant und imperialistisch halten, könnte auch der Absatz der Produkte leiden. Zudem könnte der Zustrom talentierter junger Menschen in das Land mit den weltbesten Universitäten versiegen.

Das Schlimme ist: All diese Probleme drohen auf Europa zurückzufallen. Denn die Wirtschaft auf dem alten Kontinent hängt am Tropf Amerikas. Boomt die Neue Welt, geht es auch in Europa bergauf. Die Globalisierung hat dafür gesorgt, dass vor allem Deutschland mit den USA so eng verbunden ist wie noch nie. Sinkt das Wirtschaftswachstum dort um einen Prozentpunkt, bricht auch bei uns die Konjunktur um 0,4 Prozentpunkte ein. Schwankungen in den USA wirken sich bei uns sogar schneller aus als Impulse aus Frankreich oder Großbritannien.

Die deutschen Exporteure setzen jeden zehnten Euro in Geschäften mit US-Firmen um . Der gestiegene Einfluss in den vergangenen Jahren beruht auf neuen Verbandelungen über den großen Teich. Ein Fünftel aller deutschen Direktinvestitionen fließt in die Staaten. Bedeutendstes Beispiel: Daimler-Chrysler. Geht es der US-Tochter schlecht, schrumpfen auch die Gewinne des Autobauers hier zu Lande. Hinzu kommt die Abhängigkeit der europäischen Finanzmärkte von der Wall Street. Raunt dort ein Vorstandschef von Absatzproblemen, verschleudern hiesige Börsianer hektisch ihre Papiere. Der Deutsche Aktienindex Dax gilt als am engsten am US-Vorbild orientiert.

Die Europäer wissen um ihre Abhängigkeit. Doch nicht einmal während des Wirtschaftsbooms im Jahr 2000 haben sie es geschafft, sich zu emanzipieren. Zwar beschloss die EU damals im Wachstumsrausch, bis 2010 die wettbewerbsfähigste Region der Erde zu sein. Doch Beschlüsse sind eine Sache, die Umsetzung eine andere. „Das ist Wunschdenken“, befindet Allianz-Experte Heise. „Das wäre nur möglich, wenn Amerika schwächelt – aus eigener Kraft werden es die Europäer bestimmt nicht schaffen.“

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