Wirtschaft : Gefragte Besserwisser

Das Beratungsgeschäft boomt wieder. 1200 neue Jobs hat KPMG im vergangenen Jahr geschaffen. Gesucht werden nicht nur Betriebswirte, auch durchsetzungsfähige Germanistinnen bekommen ihre Chance

Andreas Monning

21 000 Quadratmeter kühle Eleganz aus Stahl, Glas und Stein: Seit etwa einem Jahr residiert KPMG, eine der größten Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften der Welt, am Köbis-Dreieck – und damit in unmittelbarer Nähe zum Reichstag, zahlreichen Botschaften und den Repräsentanzen internationaler Konzerne. Über 900 Mitarbeiter des National Office sowie der Berliner Niederlassung finden hier Platz, statistisch gesehen erfolgt jeden dritten Tag eine Neueinstellung, das Recruiting läuft auf vollen Touren.

Nach dem Branchenknick zur Jahrtausendwende hat das Geschäft der Berater wieder Konjunktur; besonders der Bereich Unternehmensberatung, bei KPMG „Advisory“ genannt, floriert. Das liegt unter anderem an der Einführung der internationalen Rechnungslegung IFRS, die beratungsintensiv begleitet werden muss. Dazu kommt der Boom von Fusionen und Übernahmen wie in Berlin zuletzt bei Bayer-Schering. Aber auch die Zunahme von Betrugsfällen – im Wirtschaftsdeutsch „Forensic“ genannt – sorgen für Beschäftigung.

Da Beratung eine personalintensive Dienstleistung ist, bedeuten mehr Aufträge automatisch mehr Jobs: Mit 1200 neuen Arbeitsplätzen im vergangenen Geschäftsjahr rangierte KPMG nach Bosch und Accenture auf Platz drei der deutschen Top-Einsteller. 300 Stellen fielen auf den Standort Ost, also Dresden, Leipzig und Berlin, insgesamt 1090 Mitarbeiter sind es dort jetzt. In der Hauptstadt werden neue Aufträge vor allem auf dem wachsenden Markt „Public Sector“ generiert, zu dem Behörden, Verwaltungen und Parteien gehören.

Neue Beratungsteams genau auf den Kunden zuzuschneiden hat bei KPMG Tradition. Dass immer häufiger Absolventen eine Chance bekommen, die nicht die klassischen Fächer BWL, Jura oder Mathematik im Hauptfach hatten, ist relativ neu. „Um ein Krankenhaus optimal zu beraten, kann ein Mediziner mit Nebenfach BWL genau der richtige sein“, erklärt Ulf Hellert, der bei KPMG für das Recruiting verantwortlich ist. Über ein spezielles Trainee-Programm hätten auch Geisteswissenschaftler wie Historiker oder Germanisten gute Chancen. „Wir schauen, wer in einem bestimmten Bereich ein Projekt erfolgreich steuern kann. Absolventen, die während des Studiums gezeigt haben, dass es für sie in Richtung Beratung geht, sind bei uns richtig.“

Doch nicht nur die Suchparameter bei KPMG haben sich geändert, auch auf Absolventenseite tut sich was: „Viele junge Leute legen ihr Studium heute wesentlich breiter an“, hat Ulf Hellert festgestellt, „sie satteln zusätzliche Qualifikationen auf, sammeln praktische Erfahrungen – und entwickeln sich persönlich weiter.“

So sei die Kombination Geisteswissenschaften und BWL längst keine Seltenheit mehr. Neben einer breiten Palette an Fachwissen achtet man bei KPMG heute verstärkt auf das Vorhandensein von Soft Skills, also „Fingerspitzengefühl“, das für den Umgang mit Mandanten entscheidend ist. Wer weiß, dass die Branche nach wie vor gegen das negative Bild des arroganten Juniorberaters kämpft, der gestandenen Unternehmern von oben herab erklärt, wie man Geschäfte macht, versteht warum. Überzeugungsarbeit, Konfliktdeeskalation, lösungsorientierte Kommunikation: Schlagwörter für Beraterqualitäten, ohne die man in der Branche nicht erfolgreich arbeiten kann.

Schon bei der Personalsuche achtet KPMG deshalb darauf, dass nicht nur die fachliche Seite stimmt, sondern auch die menschliche. Auf Personalmessen wie der „Bonding“ an der Technischen Universität (TU) Berlin, der „Connecticum“ an der FHTW und dem „Symposium“ an der Humboldt Universität (HU) Berlin wird genau hingeschaut: „Fachkenntnisse prüfen wir anhand von Fallbeispielen“, sagt Iris van Baarsen, Personalleiterin Region Ost. Gleichzeitig aber werden Soft Skills unter die Lupe genommen: Wie verhält sich jemand in der Zusammenarbeit, wie kommuniziert er im Team, wie löst er Probleme?

Wer sich doppelt bewährt und den Einstieg bei Advisory schafft, muss als Trainee neben fachlichen Schulungen dann auch so genannte „Social Skills Trainings“ absolvieren, die soziale Kompetenzen weiterentwickeln sollen. Da Frauen meist mehr Fingerspitzengefühl mitbringen, bemüht sich KPMG um einen ausgewogenen Anteil weiblicher Bewerber. Teilzeitangebote und kostenlose Vermittlungsservices für Kinderbetreuung helfen Frauen, die „Work-Life-Balance“ zu wahren und bei KPMG Karriere zu machen. Der Erfolg: Mittlerweile steigen tatsächlich ebenso viele Frauen wie Männer bei den Berlinern ein – und das in einer Branche, die vielen noch heute als Männerdomäne gilt.

Ganz an die Spitze hat es bisher allerdings erst eine Frau geschafft, die anderen 14 Vorstandsmitglieder sind Männer. Das „überdurchschnittliche zeitliche Engagement“ und die „uneingeschränkte Reisebereitschaft“, die KPMG von seinen Bewerbern erwartet, lassen sich mit Familienplanung vielleicht doch noch nicht so leicht in Einklang bringen. Aber wie im täglichen Geschäft arbeiten die Berater auch hier an einer Lösung.

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