Wirtschaft : Gefrorene Nager gegen den Ratten-Mangel

ROBERT JOHNSON

Fürsorglich drückt Susin April Tippie einen Verkaufsschlager ihrer Firma an sich: "R04 Riesenratte, 18 cm - drei Dollar." Durchschnittlich etwa 20 000 bis 25 000 Ratten und Mäuse verkaufe sie pro Woche, erklärt die Züchterin, während eine grau weiße "Rattus norvegicus" an ihrem Hals schnuppert.Doch leider reicht das Kontingent nicht aus.Seit kurzem hat sich die Nachfrage verdoppelt.Also nichts wie ab in die Katakomben - die USA brauchen Ratten.Ganz genau, Ratten!

Die pelzigen, buckligen Kreaturen mit den scharfen Zähnen sind rar, Mäuse ebenso.Schlechte Nachrichten also für die fast 20 Millionen Besitzer von gefräßigen Hausschlangen und anderen Reptilien."Sie sind die pflegeleichten Haustierfavoriten für vielbeschäftigte Erwachsene und für Kinder," beschreibt Kraig Adler, Biologieprofessor an der Cornell Universität im Staat New York, den derzeitigen Reptilien-Boom in Amerika.

Die laienhafte Nagetierzucht in Hinterhöfen hat sich zu einem professionell organisierten Industriezweig gemausert - voll klimatisierte Zuchträume, Internet-Kataloge und expansionsbereite Konkurrenten.Der Jahresumsatz liegt derzeit bei 235 Mill.Dollar.Etwa 93 Prozent der 180 Mill.in den USA gezüchteten Ratten und Mäuse werden in diesem Jahr als Futter verkauft - und diese Zahl kann die enorme Nachfrage dennoch nicht befriedigen.

Wie mühsam sich die Nahrungsbeschaffung gestalten kann, weiß David Loupe aus Los Angeles, Besitzer von sieben gefräßigen Waranen und dreizehn Schlangen.Er fragte unlängst sogar bei Nagetierhändlern im fernen Florida an, wobei die ersten sechs Loupes Bestellung von "nur" 1000 Mäusen nicht annehmen wollten.Viele Züchter achten darauf, daß sie ihre Stammkunden versorgen.Oft wird der großen Nachfrage dann mit Preiserhöhungen begegnet."Viele Leute mögen die Diskussion um den Rattenmangel lächerlich finden, aber es ist eine Tatsache," sagt Dick Phelan, Marketingchef bei der Zuchtanstalt SAS Supply.Eine Preiserhöhung von fünf Prozent ist für Juni geplant, wenn Millionen kleiner Babyschlangen in den Terrarien der USA schlüpfen.

Genau wie in der Natur entscheiden Auslese und Anpassung über das Überleben in dieser Branche.Beweis dafür ist die Karriere von Susin Tippie.Die 41jährige Direktorin von D & H Pet Farms Inc.begann mit der Aufzucht von Igeln, bis diese als Schmusetiere wegen ihrer Stachel aus der Mode kamen.Also versuchte Tippie ihr Glück mit "Beutetieren".Sie liebt Ratten, die nach ihrer Meinung intelligenter und anschmiegsamer sind als Meerschweinchen und Hamster aus den Tierhandlungen.Und Susin Tippie rühmt sich ihrer Brut.Qualität hat für sie absolute Priorität: Ihre Nager werden mit ballaststoffreicher Kost, bestehend aus Rübenschnitzeln und Weizenkeimen, gefüttert.Denn magere Nagetiere seien das gesündere Reptilienfutter, so die Züchterin.

Die Nagetieraufzucht verlangt viel Fingerspitzengefühl.Ist es zu kühl, paaren sich die Tierchen nicht.Ist es zu heiß, kommen viele der verwöhnten Nager wie während der Hitzewelle im vergangenen Jahr um.Zudem erfordern die verschiedenen Reptilienarten verschieden große Nahrungsportionen.Ist eine Ratte zu groß, kann sie unter Umständen eine Schlange totbeißen.Einige Abnehmer geben sich wie David Loupe mit Tiefkühlkost zufrieden, da sie gelagert werden kann.Die Versandkosten für gefrorene Nager liegen hingegen höher als für Frischware.Überdies sind viele Reptilien pedantisch veranlagt und bestehen auf lebenden oder frisch getöteten Mahlzeiten.Und so mancher Kriechtierbesitzer findet es faszinierend, seinem Hausfreund beim Beutefang zuzusehen.

Ein zusätzlicher Grund für die Knappheit an Reptiliennahrung ist die seit kurzem sehr populäre "Power-Fütterung": Man wirft den Tieren zwei oder mehr Ratten pro Woche vor, um das Wachstum zu beschleunigen."Die Halter mästen ihre Echsen und Schlangen förmlich.Es ist eine Frage des Images," erklärt David Tetzlaff, Tierpfleger der Touristenattraktion Caribbean Gardens in Florida."Ich habe überfütterte Warane zu Gesicht bekommen, die aussahen wie ein Fußball auf Beinen." Zugegeben, Touristen sind mit kleinen Echsen nicht mehr zu beeindrucken - von den Reptilienliebhabern, die ihre Bekannten mit ihrem Hobby verblüffen wollen, gar nicht zu sprechen.Statt dessen imitiert das Leben die Kunst.Für Beobachter der Szene erweist sich das Motto des Films "Godzilla" von 1998 doch als zutreffend: "Auf die Größe kommt es an!"

Heutzutage bedarf es nicht unbedingt des geschulten Auges eines Herpetologen (Kriechtierkundler), um die in Gefangenschaft aufgezogenen oder aus freier Wildbahn erhaltenen Pythons oder Boas zu unterscheiden.Erstere haben oft Körper, die in keiner Relation mehr zum Kopf stehen.Diese unnatürliche Völlerei kann verständlicherweise schädlich für die Reptilien sein.Eine "Haarverstopfung" etwa kann lebensbedrohlich sein.Zu viele Rattenhäppchen führen dazu, daß sich im Darm orangengroße Haarbälle bilden, die nur operativ entfernt werden können.

Der Job des Tierarztes erscheint verhältnismäßig unappetitlich.In der Rattenaufzucht zu arbeiten, steht dem aber gewiß in nichts nach."Es ist dreckig und es stinkt," gibt Susin Tippie zu.Eine Fluktuationsrate bei den Mitarbeitern von fast 100 Prozent verwundert da kaum.Einige Arbeiter halten es gerade einmal bis zur ersten Kaffeepause aus.So muß unter anderem mit Rattenbissen gerechnet werden, wie auch Tippie weiß, die in acht Jahren Ratten und Mäusegeschäft zwölf mal angeknabbert wurde.

In vielen Zoos und Vergnügungsparks hat man begonnen, Ratten und Mäuse selbst heranzuziehen, um Preiserhöhungen und Lieferschwierigkeiten vorzugreifen.Das gilt als wirtschaftlich sicherer und hat den Vorteil, daß eine größere Auswahl an Futterhäppchen zur Verfügung steht.Wohin führt dies alles aber in der Heimat der berühmtesten Maus der Welt? "Das Thema war bei uns bisher nicht Diskussionsgegenstand," sagt Diane Ledder, die Sprecherin von Walt Disney World, das kürzlich den Wildpark "Animal Kingdom" eröffnet hat.Sie erhält die gute Stimmung des Vergnügungsparks aufrecht, wenn sie erklärt, einige der ausgestellten Reptilien im "Tierreich" würden mit Tiefkühlkost gefüttert."Ich denke, die Menschen wissen, daß Micky Maus einmalig ist," sagt Ledder, "aber die Natur hat nun einmal bestimmt, daß Tiere fressen müssen."

Übersetzt und gekürzt von Karen Wientgen (Rubin, Telekommunikation), Birte Heitmann (Ratten) und Svenja Rothley (US-Wirtschaft).

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