Gefühlte Unsicherheit : Bahn arbeitet an einem Konzept gegen Angst

Überfälle, Schlägereien, schlecht beleuchtete Bahnsteige - das subjektive Sicherheitsgefühl vieler Fahrgäste ist für die Bahn ein Problem. Dass das Risiko objektiv betrachtet nicht sehr hoch ist, nützt ihr wenig.

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Im Einsatz. Sicherheitsbeamte der Bahn.
Im Einsatz. Sicherheitsbeamte der Bahn.Foto: dapd

Haben Sie Angst, abends allein in die S-Bahn zu steigen? Haben Sie die unscharfen Bilder von Überwachungskameras im Kopf, auf denen Passanten von Schlägern drangsaliert werden? Dabei ist es sehr wahrscheinlich, dass Ihnen in der S-Bahn nichts passieren wird. 7,5 Millionen Fahrgäste befördert die Deutsche Bahn in Bussen und Zügen jeden Tag. 1679 Zwischenfälle mit Körperverletzungen gab es im gesamten Jahr 2011. Das sei weniger gewesen als im Jahr zuvor, sagt Geld Neubeck, Leiter der Konzernsicherheit bei der Deutschen Bahn. Fragt man also die Statistik, ist die S-Bahn ein relativ sicherer Ort, denn an anderen Stellen im öffentlichen Raum, auch das sagt die Statistik der Bahn, passiert viel mehr.

„Die Menschen müssen keine Angst haben“, meint Neubeck. Aber sie tun es. „Es gibt eine erhebliche Diskrepanz: Die Menschen fühlen sich unsicherer als die wahre Lage ist“, sagt Neubeck. Daher müsse die Bahn nicht nur etwas tun, um die objektive Sicherheit weiter zu verbessern, sondern auch um das Sicherheitsempfinden zu erhöhen. Unter dem Motto „Wa(h)re Sicherheit“ treffen sich am heutigen Dienstag Experten der Bahn und der Bundespolizei in Potsdam, um darüber zu diskutieren, wie sich das subjektive Sicherheitsgefühl verbessern lässt.

Leon Hempel vom Zentrum für Technik und Gesellschaft der TU Berlin nennt es ein Kriminalitätsparadoxon. „Die Sicherheitslage ist gut oder unproblematisch, doch das Unsicherheitsgefühl ist trotzdem da und steigt in einigen Bereichen sogar“, hat der Experte beobachtet. „Es ist eine Herausforderung an dem Paradoxon zu arbeiten.“ Es handele sich dabei um ein gesellschaftliches Problem, das in die Bahn hineingetragen werde.

Und ein zweites Paradoxon hat der Wissenschaftler identifiziert: Je mehr über das Thema Sicherheit gesprochen und berichtet werde, desto größer werde wiederum das Unsicherheitsgefühl. Eine Möglichkeit das subjektive Sicherheitsgefühl zu erhöhen sei dennoch die Information, zum Beispiel darüber, welche Maßnahmen und technische Hilfsmittel eingesetzt werden. Auch Lichtverhältnisse, die Gestaltung von Räumen, bessere Zugänglichkeit und Orientierung könnten helfen, das Sicherheitsempfinden zu erhöhen. Dabei sei es gefährlich, wahre, also hundertprozentige Sicherheit zu versprechen, da es die nicht geben könne.

Nach dem Tod eines Geschäftsmannes in München hat die Bahn 2010 ein neues Sicherheitskonzept entwickelt und unter anderem das Sicherheitspersonal von 3200 auf 3700 Mitarbeiter aufgestockt, wobei davon 2700 direkt bei der Bahn beschäftigt sind. 160 Millionen Euro gibt sie jährlich für Sicherheit aus – unter anderem sind bundesweit 6500 Kameras in Bahnhöfen und Zügen installiert. 2011 erhöhte der Konzern das Budget noch einmal um 3,5 Millionen Euro, um die Präsenz der Mitarbeiter weiter zu steigern. Die könnten im Zweifel direkt eingreifen, sagte Neubeck. Mit Warnwesten sollen die Mitarbeiter künftig auch besser sichtbar gemacht werden, um das subjektive Sicherheitsempfinden der Bahnkunden zu erhöhen.

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