Wirtschaft : "Gegen Bioangriffe hilft kein Anti-Viren-Programm"

Herr Plattner[halten Sie nach den Terror-Anschl&a]

Hasso Plattner (57) ist seit 1997 Vorstandsvorsitzender des Softwarekonzerns SAP. Bis 1972 war der gelernte Nachrichtentechniker bei IBM Deutschland beschäftigt, dann gründete er mit vier Arbeitskollegen das badische Computerunternehmen. Der gebürtige Berliner gilt als zupackender Manager, der Krisen meistern kann. Nachdem Plattner die Bedeutung des Internets zunächst unterschätzte, richtete er das Unternehmen innerhalb weniger Monate auf die Erfordernisse der vernetzten Wirtschaft aus.

Herr Plattner, halten Sie nach den Terror-Anschlägen mit Flugzeugen und Biowaffen auch elektronische Attentate für möglich?

Möglich sind solche Anschläge, aber sie wären ungefährlich, weil wir uns dagegen viel besser schützen könnten.

Warum?

Kriminelle Akte über Netzwerke oder Computersysteme können sehr schnell aufgeklärt werden, weil die Täter überall elektronische Spuren hinterlassen. Man kommt ja nicht ohne einen Computer in einen anderen Computer hinein.

Das heißt, das elektronische Hirn der Industrieländer ist sicher?

Ich würde nicht sagen, dass es sicher ist. Aber wir können es viel besser schützen als unsere Gesundheit. Gegen Bioangriffe haben wir kein Anti-Virus-Programm.

Wie mussten Sie Ihren Geschäftsalltag einschränken?

Es gibt erhebliche Behinderungen für uns, weil das transatlantische Fliegen nicht mehr so selbstverständlich ist wie vor den An-schlägen. Europäer fliegen seltener in die USA, und die Amerikaner halten sich mit Flügen nach Europa zurück.

Welche Folgen hat das für das Geschäft?

Zum Thema Online Spezial: Terror und die Folgen
Themenschwerpunkte: Gegenschlag - Afghanistan - Bin Laden - Islam - Fahndung
Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags Das ganze Ausmaß wird erst in ein paar Wochen erkennbar sein. Wir haben sofort nach den Anschlägen Aufträge aus dem Sicherheits- und Militärbereich bekommen. Aber das macht nicht wett, was wir verloren haben. Wir müssen jetzt so flüssig wie mög-lich bleiben. Das heißt, wir haben viele Aus-gaben verschoben, die zu verschieben sind. Das tun andere auch, und es führt dazu, dass sich eine ganze Industrie im Rückwärtsgang bewegt. Es wird lange dauern, bis wir das wieder aufgeholt haben.

Droht der Software-Industrie eine Rezession?

Die Hightech-Branche war ja schon vorher in eine Krise geraten. Der Abstieg vom Dotcom-Gipfel ist allen schwer gefallen. Aber jetzt haben wir auch Probleme in der Reisebranche, im Luftverkehr, bei den Banken. Ich habe schon Bammel vor einer Kettenreaktion. Da hilft es auch nicht, dass alle sagen, wir sollen so weiter machen wie bisher. Sie tun es ja nicht.

SAP hat seine Umsatzprognose gesenkt und muss sparen. Wie viele Mitarbeiter müssen Sie an welchen Standorten entlassen?

Richtig ist, dass wir unsere Maßnahmen zur Kostensenkung beschleunigen. Dazu gehört auch sicherzustellen, dass die richtigen Mitarbeiter an den richtigen Stellen sitzen. Wir haben allein in den ersten drei Quartalen über 3700 Mitarbeiter weltweit eingestellt. Wenn aber die Umsätze rückläufig sind und Konjunkturspritzen nicht wirken, müssen wir neu nachdenken. Die Zukunft ist weit weniger transparent als vor vier Wochen. Darauf müssen wir uns einstellen.

Was erwarten Sie für das vierte Quartal: Werden Umsatz und Ergebnis noch stärker belastet?

Unsere Prognose steht: Rund 15 Prozent Umsatzwachstum für das Gesamtjahr, wenn das ökonomische Umfeld aufgrund der politischen Entwicklung nicht vollständig einbricht.

Müssen Sie Abstriche im US-Geschäft machen?

Wir machen knapp ein Drittel unseres Umsatzes in den USA und hatten vor, dort kräf-tig zu wachsen. Darauf war unsere Produkt-palette und die Werbung eigentlich ausge-richtet. Insofern trifft uns der Einbruch schon. In Europa laufen die Geschäfte weiter hervorragend. Aber Kunden wie Airbus sitzen natürlich nicht nur in Europa.

Haben Sie an eine Reduzierung Ihres US-Engagements gedacht?

Nein, im Gegenteil. Wir wollen da sein, wenn die Konsumbereitschaft in den USA wieder zunimmt. Und wir müssen das US-Geschäft erfolgreicher machen, wenn wir unser Ziel erreichen wollen, nämlich 40 Prozent des Umsatzes in den USA zu machen. Vielleicht rüsten wir uns im Segment Customer Relationship Management (CRM), dem elektronischen Management von Kundenbeziehungen, gerade für die größte Schlacht. Ein erstes Zeichen dafür sehe ich darin, dass unser Hauptkonkurrent Siebel eben die Preise um 30 Prozent gesenkt hat.

Ihr wichtigster Partner im CRM-Geschäft, das US-Unternehmen Commerce One, an dem SAP 20 Prozent hält, muss 1300 Leute entlassen ...

Was sollen sie machen, wenn die Umsätze fehlen? Als Shareholder betrachte ich die Maßnahme zur Kostenreduzierung positiv. Als Software-Partner sind wir noch nicht betroffen.

Müssen Sie sich nicht einen anderen, profi-tableren Partner suchen? Die Verluste bela-sten massiv die SAP-Bilanz.

Das Vorsichtsprinzip gilt generell für unsere Überlegungen, Unternehmen zu kaufen oder Kooperationen einzugehen. Wenn unsere Profitabilität dauerhaft belastet sein sollte, dann macht es keinen Sinn in Bereiche zu investieren, die Potenzial haben und vielleicht günstig bewertet sind, aber defizitär arbeiten.

SAP wurde Interesse an Intershop nachgesagt ...

Da ist nichts dran. Mit Intershop könnten wir unsere Leistungsbilanz nicht verbessern.

Halten Sie grundsätzlich daran fest, dass den elektronischen Marktplätzen die Zukunft gehört?

Heute zeigt sich, dass man unterscheiden muss zwischen kurzfristigen Übertreibungen und der langfristigen Entwicklung einer Industrie. Letztere wird ganz gewiss von der Marktplatz-Technologie vorangetrieben. Aber es war ein Traum der New Economy zu glauben, dass ein Marktplatz, den drei Auto-konzerne zusammen aufmachen, mehr Wert ist als eine der Automobilfirmen.

Was bleibt Ihrer Meinung nach von der New Economy übrig?

Die Ideen bleiben. Aber viele brauchen Jahre, um realisiert zu werden. Manche müssen auch erst wiederentdeckt werden. Wir wer-den sicher nicht zu einer Welt zurückkehren, in der alle Geschäftsprozesse in isolierten Unternehmen ablaufen werden. Die Systeme werden interagieren. Und das alles sehr viel transparenter und flexibler als bisher. Und: Die Architektur der nötigen Software wird nicht mehr von einem einzigen Anbieter stammen.

Was bleibt vom SAP-Profil, wenn Ihre Soft-ware in einem großen Ganzen aufgeht?

Uns wäre natürlich am liebsten, wenn ein Unternehmen alles mit SAP macht. Aber die Realität sieht anders aus. Da existieren viele Software-Systeme für verschiedene Geschäftsprozesse nebeneinander. Und die sollen alle miteinander interagieren können. Da hilft es nicht, wenn wir - wie Larry Ellison von Oracle - hingehen und dem Management sagen: Stellt doch alles auf unsere Software um. Die Alles-aus-einer-Hand-Lösung ist unrealistisch.

Was ist denn realistisch?

Wir müssen offene Systeme integrieren. Wir geben dem Unternehmen ein Portal, mit dem es auf seine Anwendungen - seien sie von SAP oder von anderen - zugreifen kann, ohne dass wir alle Systeme austauschen müssen. Und das, was wir in den internen Abläufen zusammenbringen, führen wir ge-nau so auf Marktplätzen zwischen Unter-nehmen zusammen.

War das nicht auch die Vision vieler geschei-terter New-Economy-Unternehmen?

Der größte Fehler der New Economy war, den Erfolg eines Unternehmens über den vorweggenommenen Erfolg an der Börse zu steuern.Wenn wir Unternehmen helfen, die Software-Komponenten verschiedener Anbieter zu kombinieren, heißt das ja nicht, dass wir nicht ein möglichst großes Stück vom Software-Kuchen haben wollten. Der Anteil des Software-Geschäfts an unserem Gesamtumsatz wird weiter steigen. Aber ein großer Teil ist Beratung. 50 Prozent aller IT-Budgets werden hier investiert.

Wird die Börse nicht gebraucht, um Risiko-Kapital zu mobilisieren?

Gegenfrage: Muss eine Firma das Fünffache ihres Entwicklungsbudgets ins Marketing stecken, nur weil sie hofft, dass die Ent-wicklung schon hinterher kommt? Ich glaube das nicht. Erst entwickelt man, dann hat man ein Produkt und zusätzlich das Geld, um es im Markt erfolgreich einzuführen.

SAP brauche 30 bis 40 Prozent neue Kunden, haben Sie gesagt. Wann werden Sie dieses Ziel erreicht haben?

Wir haben jetzt über 30 000 SAP-Systeme installiert. Im Jahr 2010 werden wir sicher bei weit mehr als 100 000 sein.

Sehen Sie einen Mega-Trend in der Soft-ware-Industrie?

Die Schaffung von Standards wird ein Mega-Trend unserer Industrie sein. Warum nicht etwas gemeinsam machen, das alle Anwender nutzen können? Damit verschlechtert man zwar zunächst seinen eigenen Wettbewerbsvorteil. Aber man kann darauf schneller aufbauen und am Ende mehr daraus machen.

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