Wirtschaft : Gegen den Kannibalismus einer Branche

ALFONS FRESE

Friedensabkommen zwischen Media Markt/Saturn und mittelständischen Händlern / Gesetzesverstöße provoziertVON ALFONS FRESE

Henry Neumann traut dem Frieden nicht.Der Geschäftsführer des Berliner Handelshauses Innova will weiter "Ressourcen für den kleinen Krieg bereitstellen".Denn der Gegner, da ist sich Neumann sicher, wartet nur ab, bis der Pulverdampf verzogen ist, um dann erneut zu attackieren.Der Gegner heißt Media Markt/Saturn und ist mit einem Marktanteil von rund zehn Prozent der dominierende Akteur auf dem Markt für Unterhaltungselektronik.Seit gut einem Jahren bekriegen sich der Branchenführer und mittelständische Elektronikhändler wie Henry Neumann vor den Gerichten.Vom "Kannibalismus einer Branche" ist die Rede beim Bundesverband des Unterhaltungselektronik-Einzelhandels (BVU).Der Große wolle die Kleinen kaputtmachen, sagen die Kleinen.Die Kleinen verstoßen gegen Gesetze, behauptet der Große.Niedersachsens Ministerpräsident Schröder schaltet sich ein, Erwin Conradi, Aufsichtsratschef der Media Markt-Mutter Metro nimmt sich der Sache an.Inzwischen gibt es einen Waffenstillstand.Media Markt hat seine Truppen zurückgezogen, doch Mittelständler wie Henry Neumann bleiben mißtrauisch. Der "Verfall der Wettbewerbskultur" (BVU) begann mit sogenannten Testkäufern der Media Markt/Saturn-Gruppe: Die Leute gingen in die Läden der Wettbewerber und provozierten dort Wettbewerbsverstöße.Zum Beispiel, indem ein mit 500 DM ausgepreister Videorekorder auf 450 DM heruntergehandelt wurde - ein Verstoß gegen das Rabattgesetz, das Preisnachlässe nur bis zu drei Prozent erlaubt.Oder der Testkäufer verlangte beim Kauf einer Fotokamera einen Film als kostenlose Beigabe - das verstößt gegen die Zugabeverordnung.Als Folge der erfolgreich provozierten Wettbewerbsverstöße werden die Händler abgemahnt und eine Unterlassungserklärung verlangt; bei hoch angesetzten Streitwerten entstehen enorme Anwaltskosten - für viele Kleinhändler eine bedrohliche Kulisse. Einige große unter den Kleinen haben zurückgeschlagen, so der Bremer Gotthard Elsner, der massiv die Presse mobilisierte, und der Berliner Henry Neumann.Sie drehten den Spieß um und schickten ihrerseits Testrupps in die Media- und Saturn-Märkte, um dort Wettbewerbsverstöße nachzuweisen."Wir haben auch bei denen versucht fündig zu werden", sagt Neumann von Innova.Dazu "haben wir Rabattdrücker losgeschickt", unter anderem einen "professionellen" Tester, der nichts anderes tut, als beim Gegner Gesetzesverstöße ausfindig zu machen - oder solche zu provozieren.Rund zehn Klagen sind Neumann zufolge anhängig, einen sechstelligen Betrag für Anwalts- und Gerichtskosen habe Innova im letzten halben Jahr für das Gemetzel ausgegeben.Bei einem anderen Berliner Händler, der ungenannt bleiben will, belaufen sich die Streitkosten auf 400 000 DM.Auch hier heißt es "wir haben zurückgeschossen".Beim "Schießen" konzentrierten sich die Detektive auf das Aufspüren von Artikeln, die zwar in Media Markt-Werbeprospekten auftauchten, aber nicht in allen Läden vorrätig waren.Also wurde geklagt.Inzwischen hat der Händler mit der Berliner Media Markt-Leitung ein bilaterales Friedensabkommen geschlossen.Die Skepsis bleibt: "Wir sammeln weiter Verstöße.Falls umgekehrt wieder etwas kommt, brauchen wir nur die Schublade aufmachen." Das rüde Gegeneinander erklärt sich zum Teil mit dem beinharten Wettbewerb in der Branche.Der Umsatz mit klassischer Unterhaltungselektronik (TV und Radio, Hifi, Video und Elektro-Großgeräte) ist seit Jahren rückläufig.Pessimistische Prognosen erwarten bis zur Jahrtausendwende einen Umsatzrückgang auf 15 Mrd.DM - das wären 10 Mrd.DM weniger als 1992.Zusätzliche Geschäfte bringen nur die Bereiche Telekommunikation, Computer und Spiele; rechnet man diese den angestammten Unterhaltungsprodukten hinzu, so kommt man gegenwärtig auf ein Marktvolumen von knapp 28 Mrd.DM.Um dieses Geld kämpfen in Deutschland 10 600 Händler mit 65 700 Mitarbeitern.Mit einer zunehmenden Verschiebung zu den Großen.Media-Markt begann 1979 in der Bundesrepublik mit einem einzigen Markt, 15 Mitarbeitern und 15 Mill.DM Umsatz.1998 soll der 100.Markt eröffnet werden, der Umsatz wird dann bei rund 5 Mrd.DM liegen, die Zahl der Beschäftigten bei über 6000. "Warum soll der Marktführer in Europa mittels gerichtlicher Verfügung Mittelständler aus dem Markt drängen?", weist Media Markt-Geschäftführer Walter Gunz die Vorwürfe zurück.Er räumt ein, Testkäufer losgeschickt zu haben, "um zu überprüfen, was an Rabatten gewährt wird"."In gewisser Weise", so Gunz, "ist uns das entglitten; die Eskalation wollten wir nie".Metro-Aufsichtsrat Conradi schreibt Gerhard Schröder, "daß ich solche Verhaltensweisen, wie sie Media Markt zum Vorwurf gemacht werden, nicht billige und (habe) dafür Sorge getragen, daß sich Auswüchse, sollte es sie gegeben haben, nicht wiederholen".Seine "Recherchen" hätten jedoch ergeben, so der mächtige Metro-Chef, daß sich Media Märkte "durch die Verhaltensweise von Mitbewerbern benachteiligt" fühlten, da diese "beachtliche Rabatte" einräumten.Dagegen "hält sich Media Markt an das Rabattgesetz".Alles in allem sei "die Angelegenheit möglicherweise überzogen worden".Das Media Markt-Management "ist jedoch der Auffassung, daß es selbst Opfer und nicht Täter ist, und das die Angelegenheit bewußt übertrieben und hochgespielt wurde". Wie dem auch sei.Unter Vermittlung der Handelsverbände kam es vor zwei Wochen zu einem Friedensabkommen.Die Metro-Tochter Media/Saturn erklärte ebenso wie einige Kombattanten von der Mittelstandsseite, die Testkäufe einzustellen.In einer "Gemeinsamen Erklärung" verständigen sich die Gegner, anhängige Verfahren "unverzüglich" zu beenden, "wegen geringfügiger Beanstandungen" sollen die Gerichte künftig nicht mehr bemüht werden.Der Fachverband BVU hofft nun auf "eine anhaltende Befriedung innerhalb der Branche". Walter Gunz hofft vor allem auf Ruhe an der Medienfront."Wir sind schlecht weggekommen", resümiert der Mitbegründer der Media Märkte die Berichterstattung.Im übrigen sei alles nicht so schlimm gewesen, Gunz hat "weniger als 50 Klagen" gezählt.Die Bannerträger des Mittelstandes zählen anders.Der Berliner Neumann meint, wenn die Hälfte der Händler "fünf Angriffen ausgesetzt ist, ergibt sich die Zahl von 25 000 Vorgängen".Die Gründung eines "Vereins für fairen Wettbewerb" hat Neumann erstmal zurückgestellt, weil "Metro die weiße Flagge gehißt hat".Aber die Vereinsidee liege "nur kurzfristig auf Eis, mittelfristig brauchen wir das wahrscheinlich".

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