Wirtschaft : Gegen Zinssenkungen

16.11.1998 00:00 Uhr

BERLIN/FRANKFURT (MAIN) (AP/ro).Drei Tage vor der nächsten Sitzung des Zentralbankrats der Deutschen Bundesbank ist die Forderung von Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine (SPD) nach Zinssenkungen auch innerhalb der Bundesregierung auf Widerstand gestoßen.Der Wirtschaftsexperte des Bundeskanzleramtes Klaus Gretschmann warnte in der "Welt", daß "durch eine einseitige Zinssenkung in Deutschland der Anpassungsdruck am kurzen Ende für andere Länder der Eurozone unter Umständen größer würde".Auch der Bundesverband der deutschen Banken und die schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis kritisierten den Streit mit der Bundesbank.

Die SPD-Politikerin sagte der "Welt", sie habe sich gewundert, daß man mit jemandem eine Auseinandersetzung anfange, der in zwei Monaten nicht mehr im Amt sei."Das bedeutet vergeudete Liebesmüh." Die Zinsen seien bereits jetzt recht günstig."Sehr viel niedriger dürften sie gar nicht sein, denn dann würde ausländisches Kapital abgezogen."

Kanzlerberater Gretschmann unterstrich, daß eine Zinssenkung in Deutschland bestenfalls mit zwölf bis 18 Monaten Verzögerung wirken würde.Im nächsten Jahr "werden wir wegen der notwendigen Harmonisierung ein niedriges Zinsniveau in Europa haben".Deutschland sollte lieber die stimulierenden Effekte einer europaweiten Zinssenkung nutzen, anstatt einen Alleingang zu wagen.Der Finanzwissenschaftler zeigte sich zudem skeptisch gegenüber der Leistungsfähigkeit eines "reinen Wechselkurszielzonen-Ansatzes".

Der Bundesverband der deutschen Banken verurteilte den Vorstoß von Lafontaine für eine Leitzinssenkung und feste Wechselkurszielzonen.Die Kreditinstitute warnten vor dem Versuch einer verstärkten politischen Einflußnahme auf die Europäische Zentralbank, verpackt in der Forderung nach weiteren Zinssenkungen."Es ist nicht die Diskussion als solche, die uns stört, als vielmehr die Art und Weise, wie sie erfolgt", sagte der Präsident des Bundesverbandes und Sprecher des Vorstandes der Commerzbank, Martin Kohlhaussen, in Frankfurt (Main).Ein derart unverhohlener öffentlicher Pressionsversuch schade nicht nur den politischen Akteuren und der Bundesbank, sondern letztlich dem Finanzplatz Deutschland.Wenig zielführend und eher kontraproduktiv seien auch Vorschläge zur Etablierung von Wechselkurszielzonen zwischen Euro, Dollar und Yen.

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