Gegessen wird immer : Berlins Ernährungsindustrie hat Nachwuchssorgen

In Britz wird Marzipan und Nougat produziert, das bis nach Asien exportiert wird. Europas größte Pizzafabrik steht in Reinickendorf. Berlins Ernährungsindustrie trotzt der Krise, leidet aber unter Nachwuchsproblemen.

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Kernspaltung. In dieser Maschine bereiten Mitarbeiter der Firma Georg Lemke Haselnüsse vor, die zu Nougat verarbeitet werden. Die 1902 gegründete Fabrik stellt auch Marzipan und Persipan her.Foto: Paul Zinken
Kernspaltung. In dieser Maschine bereiten Mitarbeiter der Firma Georg Lemke Haselnüsse vor, die zu Nougat verarbeitet werden. Die...Foto: Paul Zinken

So ungefähr muss sich der kleine Charlie in der Schokoladenfabrik gefühlt haben, in dem Kinderbuch-Klassiker von Roald Dahl. Aus Stahlhähnen fließt dampfende Schokoladensauce in einen badewannengroßen Bottich, dem Besucher steigt der Duft von Nougat und frisch gerösteten Mandeln in die Nase, dröhnende Rührmaschinen arbeiten sich durch Berge von Marzipanteig. Ein Besuch der Marzipan- und Nougatfabrik Georg Lemke in Britz hat etwas von einem wahr gewordenen Kindertraum.

Das Unternehmen mit rund 120 Mitarbeitern ist einer der Vorzeigebetriebe der Berliner Nahrungsmittelindustrie. Jetzt besuchte Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) mit einer Delegation das Unternehmen – auch, um daran zu erinnern, dass Berlins Ernährungsindustrie mehr öffentliche Aufmerksamkeit verdient hätte. „Hier wird vieles produziert, von dem man nicht weiß, dass es aus Berlin kommt“, sagte Wolf, während ihn die Lemke-Geschäftsführer Jan und Sven Hell durch die Fabrik führten und zeigten, wo Nüsse aus aller Welt zu süßer Masse verarbeitet werden, die dann an Großkunden in Deutschland, Europa und Asien geht.

Auch in Berlin ist die Chance groß, dass der Verbraucher regelmäßig Produkte des familiengeführten Unternehmens zu sich nimmt: Als Mandelsplitter auf dem „Magnum“-Eis, als süße Masse im Schokocroissant oder als Belag auf dem Bienenstich – der nach eigenen Angaben zweitgrößte deutsche Marzipanproduzent setzt derzeit rund 11 000 Tonnen seiner süßen Ware ab.

Die Wirtschaftskrise haben die Lebensmittelhersteller gut überstanden. „Gegessen wird immer“, lautet ein Branchensprichwort. In Berlin gibt es einen Schwerpunkt bei der Produktion von Süßwaren, Kaffee und Getränken (siehe Infokasten). Die Ernährungswirtschaft gilt als „tragende Säule“ der Industrie in der Stadt, da die Beschäftigtenzahlen seit Jahren weitgehend stabil sind. Hinzu kommen hohe Investitionen: Allein in den Jahren 2000 bis 2008 gaben die Unternehmen jährlich etwa 100 Millionen Euro für neue Anlagen und Maschinen aus. So erweiterte Bahlsen seine Tempelhofer Keksfabrik für 16 Millionen Euro. Optimistisch zeigen sich auch kleine Firmen wie Schokoladen Walter. Der Traditionsbetrieb hat eine Fabrik in Tempelhof, fünf Süßwarenläden, 20 feste Mitarbeiter und derzeit 26 Saisonkräfte. Hugo E. Walter, der das Unternehmen seit 33 Jahren führt, ist „sehr zufrieden“ mit dem Jahresumsatz in Höhe von 1,2 Millionen Euro.

„Die Betriebe der Ernährungsindustrie in Berlin sind leistungsstark und wettbewerbsfähig“, lobt Ingo Bengs, Vorstandsmitglied der Wirtschaftsvereinigung der Ernährungsindustrie in Berlin und Brandenburg (WVEB). „Sie gewinnen zunehmend Marktanteile im Ausland.“

Ein Problem allerdings dämpft die Zuversicht: „Es wird immer schwieriger, an guten Nachwuchs heranzukommen“, sagt Lemke-Geschäftsführer Sven Hell. Immer weniger Bewerber bestünden den Lese- und Schreibtest der Firma. Und von denjenigen, die eine Ausbildung beginnen, springen die meisten nach kurzer Zeit wieder ab. Auch ärgern sich die Lemke-Chefs oft über Banken, die ihnen trotz voller Auftragsbücher und fester Kundenzusagen die Vorfinanzierung verweigern, sodass sie saisonale Schwankungen der Nachfrage nur durch Sonderschichten ausgleichen können – eine Klage, auf die der Wirtschaftssenator mit dem Hinweis auf ein neues Förderprogramm der landeseigenen Investitionsbank (IBB) für solche Fälle antwortet.

Das Nachwuchsproblem kennt auch ein anderer Lebensmittelproduzent, der europaweit zu den Marktführern gehört: Der Tiefkühlpizza-Hersteller Freiberger, der in Reinickendorf am Rande des Märkischen Viertels das nach eigenem Bekunden größte Pizzawerk Europas betreibt, arbeitet mit einer Schule in der Nähe eng zusammen, um früh den Kontakt zu möglichen künftigen Mitarbeitern zu knüpfen, wie Geschäftsführer Helmut Morent beim Rundgang durch den 40 000-Quadratmeter-Betrieb berichtet.

Dass das Unternehmen mit rund 600 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von zuletzt 485 Millionen Euro in Berlin seinen Sitz hat und nicht etwa im vermeintlichen Pizza-Stammland Italien, begründet der Geschäftsführer mit den praktischen Standortvorteilen: Zu Mauerzeiten, als der Unternehmer Ernst Freiberger aus einer Pizzabäckerei mit 20 Mitarbeitern einen internationalen Konzern machte, hielten teilungsbedingte Fördergelder die Firma in Berlin – und heute ist es die geografische Nähe zu Kunden aus Osteuropa, wo wie in Deutschland vor allem große Supermarktketten zu den Kunden gehören.

„Wir sind hier im Herzen Europas und beliefern Polen, die baltischen Republiken und Russland“, sagt Geschäftsführer Morent, während er an Förderbändern, Öfen und Kühltürmen mit Pizzen und Pasta-Portionspaketen vorbeigeht. In der Luft liegt ein Duft von Tomatensauce, Basilikum und geschmolzenem Käse. „Unsere Kunden holen hier ihre Ware zum Teil selbst ab – das würden sie in Köln oder Frankfurt nicht machen.“ Nur ein Land übrigens gehört bislang noch nicht zu den Abnehmern von Freiberger-Produkten: Italien. Denn dort, sagen Mitarbeiter, „backt jeder seine eigene Pizza“.

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