Wirtschaft : "Geheimagent" Oskar Schröder berät den Betriebsrat bei Holzmann und fädelte den Kanzler-Deal ein

Helmut Hauschild

Das Plakat hängt direkt neben dem Fahrstuhl. Es sieht so dröge aus, zum Weglaufen. Aber hier, auf dem kahlen Flur der Frankfurter Zentrale der Philipp Holzmann AG, gibt es kein Entkommen. "Wir gewinnen gemeinsam ...", versprechen die weißen Lettern jeden Tag aufs Neue den Beschäftigten.

Niemand bei Holzmann hat dieses Plakat wütend abgerissen, als vor drei Monaten herauskam, dass diese Botschaft nur eine Phrase ist. Dass die Manager, die dort an die Verantwortung der Beschäftigten appellierten, seit Monaten einen Konkurs vor sich herschoben. Noch immer also liest man, bis endlich der Fahrstuhl kommt, gebrochene Versprechen.

Oskar Schröder gehört zu denen, die beinahe täglich an dem Plakat vorbeigehen. Er glaubt trotz allem unverdrossen an die Zukunft des Baukonzerns. Mit Drei-Tage-Bart und Rolli steht er am Fenster. "Besonders in Krisen dürfen Unternehmen die Achtung vor ihren Mitarbeitern nicht verlieren", sagt Schröder. Immer wieder kommt der 47-jährige Betriebswirt auf dieses Gebot zu sprechen. Seit seiner Diplomarbeit, die sich mit Führungsproblemen befasste, ist es sein Leitmotiv.

Für Schröder hat deshalb auch das unglückliche Plakat noch immer einen Sinn. Jeden Tag bestärkt es ihn aufs Neue, dass es richtig ist, am Ende des Flurs im dritten Stock die linke Glastür zu nehmen. Sie führt zum Betriebsrat. Dessen Chef, Jürgen Mahneke, kämpft seit Wochen um die Jobs der Holzmänner. Oskar Schröder, selbstständiger Consultant und zuvor 15 Jahre beim Vorstand der IG Metall tätig, berät ihn dabei. Laut Vertrag geht es um "schwierige mitbestimmungsrechtliche Fragen", tatsächlich ist der ehemalige Gewerkschafter Mahnekes Schattenmann in geheimer Mission.

Ohne den Namensvetter des Kanzlers, sagen sie im Betriebsrat, hätte Mahneke den Kampf um Holzmann vielleicht ebenso verloren wie ohne den Kanzler selbst. Jetzt fallen bei Holzmann zwar immer noch mindestens 3300 Jobs weg, und die verbleibenden 12000 Beschäftigten müssen unbezahlte Überstunden leisten. Aber der angeschlagene Konzern hat erstmal eine Atempause. Zum zweiten Mal in drei Jahren haben die Banken Holzmann eine milliardenteure Finanzspritze gegeben.

Noch immer freilich sieht der Baukonzern einer ungewissen Zukunft entgegen. Denn die Genehmigung der Subventionen aus Brüssel steht weiter aus. Dennoch ist Schröder optimistisch: "Die Bundesregierung und die Banken haben zu viel investiert. Das Schiff kann nicht mehr untergehen."

Schröders Baustelle ist der 240 Millionen Mark schwere Lohnverzicht der Beschäftigten: Betriebsrat Mahneke hatte ihn am Tag nach dem ersten gescheiterten Rettungsversuch für Holzmann unterschrieben - in der Hoffnung, die Banken würden dann ebenfalls einen Sanierungsbeitrag leisten. Das war am 15. November. An diesem Tag hatte Mahneke Oskar Schröder telefonisch um Rat gebeten.

Die Verhandlungen stocken

Trotz Mahnekes Unterschrift kommen die Verhandlungen nicht voran. Vorstandschef Heinrich Binder will aufgeben. Schließlich überreden ihn Mahneke und Schröder zu einem letzten Versuch: Die Holzmänner dürfen für ihre Arbeitsplätze demonstrieren. Noch in derselben Nacht organisieren der Betriebsratschef und sein Stratege die ersten Proteste der Bauarbeiter.

Das bringt die Wende. Die Bild-Zeitung veröffentlicht die ersten Schlagzeilen, Im Kanzleramt ruft Schröder seinen alten IG-Metall-Kollegen Heinrich Tiemann an, inzwischen Abteilungsleiter für Soziales. Der Kanzler müsse sich einschalten, fordert er.

Zwei Tage später findet ein weiteres Bankengespräch unter Moderation von Hessens Ministerpräsidenten Roland Koch statt. Mit von der Partie ist nun auch Hans-Martin Bury, Staatsminister im Kanzleramt. Bury, gelernter Banker, gräbt sich die folgenden Tage in Frankfurt bei der Hessischen Landesbank ein und bearbeitet die widerspenstigen Gläubiger im Vier-Augen-Gespräch.

Am Mittwoch, den 24. November, sind die Banken mürbe. Hinter den Kulissen ist schon alles vorbereitet für den Fall, dass Kanzler Gerhard Schröder auf Bitten Mahnekes nach Frankfurt kommt. Im Gepäck hat er 250 Millionen Mark Staatshilfe. Eine Stunde lang nimmt der Kanzler die Holzmann-Gläubiger in die Pflicht, dann ist der 4,3 Milliarden Mark teure Rettungsdeal perfekt. Die Bilder vom Jubel katapultieren Gerhard Schröder zwei Wochen vor dem SPD-Parteitag aus dem Stimmungstief. Sie nützen auch Oskar Schröder.

"Bei der IG Metall habe ich gelernt, dass man die Macht hat, Fakten zu setzen", sagt der Consultant in Sachen Unternehmenskrise. Den Vorwurf unfairer Subventionen für einen konkursreifen Baukonzern lässt er nicht gelten. Mit 29 000 Mark werde jeder Arbeitsplatz in der Landwirtschaft unterstützt, da seien die 4000 Mark pro Holzmann-Mitarbeiter ein Klacks.

Seine Eloquenz hat Schröder oft geholfen, in der IG Metall galt er als Querdenker. Oft sind es die alten Gewerkschaftsbande, die ihm zu seinen Aufträgen verhelfen. So wie bei Holzmann. Neun Jahre saß er für die IG Metall im Aufsichtsrat des Bauriesen.

Jetzt sind Schröder und Betriebsratschef Mahneke die Stachel im Fleisch der Baugewerkschaft. Denn mit ihr ist über den Lohnverzicht der Holzmänner ein heftiger Streit entbrannt. Weil die Vereinbarung des Betriebsrats mit dem Holzmann-Vorstand gegen die Tarifverträge verstieß, drohte die Gewerkschaft mit einer Klage. Beklagte sind die eigenen Mitglieder. Mahneke und sein Berater bewegen sich auf schmalem Grat: "Dieser Beitrag der Beschäftigten muss sein, damit die Banken Holzmann die Stange halten", sagt Schröder. Doch die IG Bau sei stur geblieben. "Wir mussten sie mit bewusster Provokation aus dem Schützengraben holen." Die Taktik hat funktioniert. Inzwischen gibt es über den Lohnverzicht einen Tarifvertrag zwischen Holzmann und der IG Bau. Doch nun stellen sich die Arbeitgeberverbände quer. Sie verweigern dem ausgehandelten Vertragswerk bislang noch die Zustimmung.

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