Wirtschaft : Geht es mit der Weltwirtschaft bergauf oder bergab?

MICHAEL M.PHILLIPS

Überall sieht man Anzeichen dafür, daß sich die Weltwirtschaft erholt.Aber ebenso lassen sich auch Beweise finden für eine mögliche Krise der Weltwirtschaft.So sind einerseits die amerikanische Arbeitsproduktivität und die südkoreanischen Devisenreserven hoch; andererseits ist aber der Autoverkauf in Brasilien plötzlich eingebrochen und mußten europäische Banken bei ihren russischen Anlagegeschäften eine Schlappe hinnehmen.

Sollte man sich endlich einen Swimmingpool im eigenen Haus einbauen lassen? Oder ist es an der Zeit, Dosennahrung und Munition im Keller zu bunkern? Angesichts der sich widersprechenden Nachrichten in den Bergen bedruckten Papiers, die jeden Morgen auf der Türschwelle liegen, läßt sich schwer sagen, ob es mit der Weltwirtschaft bergauf oder bergab geht.

Die endgültigen Beweise für einen Umschwung erhält man natürlich erst eine gute Weile, nachdem er stattgefunden hat; wenn etwa staatliche Statistiken belegen, daß die asiatischen und lateinamerikanischen Volkswirtschaften wieder Wachstumsraten verzeichnen und Mitteleuropa den russischen Finanzsturm überstanden hat.

Frühe Warnzeichen zu erkennen, ist ein Kunststück, sind diese doch oft eher stimmungsmäßiger als wissenschaftlicher Natur.Nur wenige können sich über die Lage klar werden, indem sie einen Blick in die Business Class von Flügen nach Asien werfen: Trifft man plötzlich nur noch auf geschäftshungrige Investmentbanker statt auf Ökonomen des Internationalen Währungsfonds mit trüben Augen und altmodischen schwarzen Aktentaschen unterm Arm, die der IWF seinen Finanz-Feuerlöschern mitgibt?

Die Anzeichen für eine Erholung oder Verschlechterung der internationalen Wirtschaftslage treten in zweifacher Form auf.Zum einen sind es Veränderungen auf den Finanzmärkten, also bei Aktien, Anleihen und Devisen.Zum anderen greift der Wandel auch ökonomisch, sichtbar an Fabriken, Arbeitsplätzen und Gehältern.Natürlich hängt beides eng zusammen.So sind Unternehmen bei der Schaffung von Arbeitsplätzen auf Kapital angewiesen.Doch fallen sie nicht automatisch zusammen: In Korea und Thailand gibt es Anzeichen für eine finanzielle Stabilität, doch beide stecken noch in der Rezession fest.

Dabei ist es weitaus komplizierter, wirtschaftliche Probleme in den Griff zu bekommen, als die Panik auf den Finanzmärkten einzudämmen.Denn es erfordert viel Zeit, bis Unternehmen weggebrochene Exportmärkte wiedergewinnen, Arbeiter aus alternden Branchen in neue wandern, bis Reformen staatlich regulierte, in den Fugen knarrende Volkswirtschaften in bewegliche, freie Märkte verwandeln.

Damit Sie Ihre eigenen Schlüsse über den Verlauf der internationalen Finanzkrise ziehen können - ob eine Verbesserung oder Verschlechterung in Sicht ist - nennen wir Ihnen einige Punkte, auf die Sie achten müssen.Es findet ein Umschwung statt ...

Wenn schlechte Nachrichten bekannt werden, und die Märkte nur gähnen.Das vielleicht sicherste Anzeichen dafür, daß sich die Panik gelegt hat: Wenn trotz schlechter Nachrichten nichts passiert.In diesem Frühjahr geriet Brasilien unter Druck, als Rußland beschloß, den Rubel abzuwerten und einen Teil seiner Schulden nicht zu zahlen.Wenn Anleger nicht länger blind vor Panik sind, können sie lang genug innehalten, um festzustellen, daß die Ereignisse in Rußland nichts mit dem Anlegerrisiko in Brasilien zu tun haben.

Wenn Anleger von Emerging Markets sich mit weniger zufrieden geben.Die Stimmung von Anlegern läßt sich leicht an der Höhe des Zinses ablesen, den sie bei thailändischen Unternehmensanleihen oder argentinischen Schatzbriefen verlangen.Vertrauen die Anleger darauf, daß die Thais oder Argentinier ihre Schulden zurückzahlen, werden sie sich mit einer niedrigeren Rendite zufrieden geben.

Wenn ausländische Aktienmärkte ruhiger werden.Langfristig sagen Aktienkurse etwas über die Unternehmergewinne aus, doch kurzfristig spiegeln sie das Vertrauen des Anlegers in die Zukunft des Landes wider.Derzeit steht der Aktienmarkt in Sao Paulo und sein Benchmark Index Bovespa im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.Der südamerikanische Riese wird als letzter Schutzwall angesehen, um die anderen lateinamerikanischen Finanzmärkte vor Panik zu bewahren.

Wenn die Devisenreserven kriselnder Volkswirtschaften steigen.Jedes Land, dessen Währung an den Dollar gekoppelt ist, hat die amerikanische Währung im Vorrat, um seinen Wechselkurs fix oder innerhalb einer bestimmten Bandbreite stabil zu halten.Wenn Anleger zur Tür hinausstürzen, also massiv Aktien abstoßen, verkauft die Zentralbank Dollars, um ihre eigene Währung zu kaufen und deren Wert zu stützen.Hat ein Land seine Devisenreserven vollständig aufgebraucht, kann die Zentralbank nur noch tatenlos zusehen, wie die Währung an Wert verliert.Das geschah im vergangenen Jahr in Thailand und Korea.



Wenn die Güterpreise steigen.Über die Preise von Gütern wie Kupfer, Weizen und Erdöl griff die ökonomische Krise Asiens auf den Rest der Welt über.Denn als die asiatischen Volkswirtschaften wie Anker versanken, sank auch ihr Appetit auf Erdöl und andere Güter.Die Güterpreise brachen stark ein und brachten anderen Ländern, die sie importieren, unverhoffte Einsparungen.Doch die sinkenden Preise richteten verheerenden Schaden in Venezuela, Mexiko, Chile und bei anderen Güterproduzenten an, die beim Bau von Schulen und Straßen oder der Subventionierung von Grundnahrungsmittel für Arme auf Erdöl- oder Kupfereinnahmen angewiesen sind.Wenn die asiatischen Volkswirtschaften wieder zu wachsen beginnen, wird das Gegenteil passieren: Die asiatischen Länder kaufen mehr Rohstoffe, drücken damit die Preise in die Höhe und verschaffen den Exporteuren in der Dritten Welt höhere Einnahmen.

Wenn Entwicklungsländer mehr importieren.Bilanziert ein kriselndes Land einen Handelsüberschuß, ist dies noch kein Beweis, daß sich die Volkswirtschaft erholt.Man sehe sich nur Südkorea an.Bald nachdem das Land der Asienkrise erlag, begann der Überschuß zu wachsen - von 8,5 Mrd.Dollar im Jahr 1997 auf 32 Mrd.Dollar in den ersten zehn Monaten dieses Jahr.Doch das war nicht das Ergebnis positiver Exportzuwächse, denn diese gingen leicht zurück.Der eigentliche Grund war, daß Koreaner sich plötzlich importierte Waren nicht mehr leisten konnten und Importe um 38 Prozent sanken - und das ist wohl kaum ein Zeichen, daß der asiatische Tiger wieder zu Kräften kam.Der eigentliche Beweis ökomischer Erholung ist, wenn sowohl Exporte als auch Import zunehmen.

Wenn die japanische Volkswirtschaft wächst.Japan ist die zweitgrößte Wirtschaftsmacht, doch seit Jahren hat sich das Land nicht mehr entsprechend verhalten.Das Bankensystem ist mit faulen Krediten durchsetzt, japanische Konsumenten halten sich aus Angst vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch zurück, und viele der Unternehmen wurden zu lange vor der ausländischen Konkurrenz geschützt.

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