Wirtschaft : Geigenmusi für das Staatsoberhaupt

Bundespräsident Wulff nimmt in Berlin die Erntekrone entgegen und bekommt dabei jede Menge Folklore geboten

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Berlin - Den japanischen Touristen, die mit ihren Stadtplänen über den Gendarmenmarkt schlendern, bietet sich ein ungewöhnliches Bild: Auf der Treppe zum Französischen Dom steht ein Herr im dunkelblauen Anzug, umgeben von jungen Damen mit Dirndl und Krönchen, vor einem überdimensionalen Gebinde aus verschiedenen Getreidearten in Form einer Krone. Die Japaner wissen mit diesem bizarren Gruppenbild zwar nichts anzufangen. Sicherheitshalber schießen sie aber doch ein paar Fotos. Später werden sie vielleicht froh sein, diesen Augenblick festgehalten zu haben. Dann nämlich, wenn sie daheim beim Googeln feststellen, dass der Mann im Anzug der deutsche Bundespräsident war.

Christian Wulff fühlt sich im Kreis der Bauern, Landfrauen und Ernteköniginnen sichtlich wohl. Nach einem ökumenischen Gottesdienst nimmt der Bundespräsident am Montag – zum Abschluss der Erntesaison – die Erntekrone der deutschen Landwirtschaft entgegen und setzt damit eine Tradition seiner Amtsvorgänger fort. Auch die Gratulation, die Bauernpräsident Gerd Sonnleitner im Namen „aller Bauernfamilien“ zur Wahl ausspricht, hört Wulff gern. Dass die Wahl schon einige Monate zurückliegt, stört ihn nicht. Seit seiner Zeit als Ministerpräsident im Agrarland Niedersachsen sind die Kontakte zum Bauernverband, zu den Landfrauen und der Landjugend, deren Vertreter sich im Dom versammeln, gut. Dass die diesjährige Erntekrone von der Landjugend seines Heimatlandes gebunden wurde, ist jedoch ein Zufall. Das zu betonen, ist Wulff wichtig. „Sonst hat man wieder schnell Probleme am Hals, für die man nichts kann“, sagt der Präsident wohl mit Blick auf die Sarrazin-Affäre.

Ansonsten beschränkt sich der CDU-Politiker auf sicheres Terrain und lässt sämtliche politische Vorlagen ungenutzt. Dabei gibt es davon viele an diesem Vormittag. In seiner Predigt mahnt Nikolaus Schneider, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, zu mehr Solidarität mit den Armen in der Gesellschaft („wer kärglich sät, wird kärglich ernten“). Bauernpräsident Sonnleitner verteidigt die gemeinsame europäische Agrarpolitik und wünscht sich von der Politik steuerfreie Rückstellungen der Bauern für ertragsschwache Jahre.

Wulff hält sich aus all dem heraus. Er redet lieber den Eltern ins Gewissen, dass sie ihren Kindern frühzeitig beibringen sollen, wie gesunde Ernährung funktioniert. Und verspricht, dass im nächsten Jahr auch die Gattin bei der Verleihung der Erntekrone dabei sein wird, wenn die Familie aus Burgwedel nach Berlin übergesiedelt ist. Er spricht sich für Innovationen im Agrarbereich aus, will aber, dass Kritiker und Forscher das Gespräch miteinander suchen sollen. Aber nur mit modernen Anbaumethoden und zusätzlichen Geschäftsfeldern (Biomasse, Bioenergie) könne man auf dem Land den Kampf gegen den demographischen Wandel gewinnen. „Viele Junge ziehen weg“, warnt das Staatsoberhaupt.

Auch die Ernteköniginnen, die später mit Wulff auf der Treppe posieren, haben ihre heimatlichen Höfe verlassen – zumindest vorübergehend. Patricia Daubitz, Sächsische Erntekönigin, lebt in Berlin. Sie hat Agrarwissenschaften studiert und arbeitet nun im Zentrum für Agrarlandwirtschaftsforschung in Müncheberg. Mit ihren Piercings und den Leggings unterm Dirndl passt die 26-Jährige nicht so recht zu den Geschwistern Baumgartner, die während der Festveranstaltung Geigenmusi vortragen, und auch nicht zur Tanzgruppe der Landjugend Hepstedt, die Volkstänze wie den „Jägerneuner“ oder den „Sprötzer Achterrüm“ zum Besten gibt.

Auch Christine Thalmaier, Hopfenkönigin aus dem bayerischen Hallertau, hat außer dem Dirndl mit bäuerlicher Folklore nicht viel gemein. Sie arbeitet in einer Kanzlei für Patentrecht. Nur Juliane Hinz, frischgebackene Erntekönigin Brandenburgs, will in die Fußstapfen ihres Vaters treten, der die Agrar-Gesellschaften Grieben und Großmutz leitet. Doch auch sie macht jetzt erst einmal ihren Master in Agrarwissenschaften – an der Berliner Humboldt-Uni. Heike Jahberg

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