Wirtschaft : Gekündigt – und jetzt?

Was zu tun ist, wenn man plötzlich arbeitslos wird – und nach einem neuen Job Ausschau halten muss

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Am Ende. Wer plötzlich ohne Arbeit da steht, fällt psychisch oft in ein tiefes Loch. Da herauszukommen, ist schwer. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Am Ende. Wer plötzlich ohne Arbeit da steht, fällt psychisch oft in ein tiefes Loch. Da herauszukommen, ist schwer. Foto: Kitty...

„Tag X“ nennt Michaela Kaufmann* den 22. Oktober 2009. Es war der Tag, an dem ihr Chef sie in sein Büro bat und sagte: „Frau Kaufmann, leider werden wir uns von Ihnen zum Ende des Jahres trennen müssen.“

„Mir zog es den Boden unter den Füßen weg“, erinnert sich die 36-Jährige. Drei Jahre war sie als Grafikerin in der Werbeagentur angestellt, hatte in heißen Phasen die Wochenenden durchgearbeitet und mit den Kollegen berufliche und auch private Probleme geteilt. Damit sollte jetzt Schluss sein? Sie wusste, dass es der Firma nicht gut ging, aber bis dahin hatte sie gehofft, dass mit dem Verzicht auf eine Gehaltserhöhung und den jährlichen Betriebsausflug die Lage in den Griff zu bekommen sei. „Ich war ziemlich naiv“, sagt sie rückblickend.

Um sich den „Rauswurf-Blues“, den psychischen Absturz nach der Kündigung, zu sparen, rät Karriereberater Gerhard Winkler aus Neuenhagen bei Berlin, die Kündigung möglichst zu antizipieren. „Die wenigsten Kündigungen kommen aus heiterem Himmel. Sobald die Firma, die Abteilung, das Team oder die eigene Position auch nur andeutungsweise gefährdet sind, sollte man absolut diskret, zugleich auch mutig und entschlossen den Jobwechsel betreiben“, sagt er.

„Nachdem ich den ersten Schock überwunden hatte, ging ich mein Telefonbuch durch“, erzählt Michaela Kaufmann. Sie rief ehemalige Kommilitonen und Freunde an, die in der Branche tätig waren, verschickte E-Mails an Geschäftsfreunde und über die Internetplattform Xing Nachrichten an potenzielle neue Arbeitgeber. Vielleicht wusste jemand von einer freien Stelle? Oder kannte ein Projekt, bei dem sie temporär einsteigen könnte? „Da die Wirtschaftskrise gerade ihren Höhepunkt erreicht hatte, war das Feedback ziemlich ernüchternd“, sagt sie. „Viele bangten selbst um ihren Job.“

SOFORT ARBEITSLOS MELDEN

Am Vormittag nach ihrer Kündigung bekam Michaela Kaufmann von ihrem Chef frei für Ämtergänge. Zum ersten Mal betrat sie die Agentur für Arbeit. „Ich fühlte mich wie jemand, der um Almosen bittet, dabei habe ich mich sogar während des Studiums selbst finanziert“, sagt sie.

Spätestens drei Monate vor Eintritt der Arbeitslosigkeit muss man sich arbeitslos melden, um Anspruch auf Leistungen zu haben. Beträgt die Kündigungsfrist weniger als drei Monate, hat man dazu nach der Kündigung noch drei Tage Zeit. „Eine Arbeitslosmeldung muss persönlich bei der zuständigen Agentur am Wohnort vorgenommen werden. Mitzubringen sind der Personalausweis, gegebenenfalls das Kündigungsschreiben und eine Verdienstbescheinigung“, sagt René Dreke von der Arbeitsagentur Mitte. Bei diesem Besuch erhält man auch einen Termin für das Erstgespräch bei einem Berater.

Zwischen Kündigung und Beginn der Arbeitssuche sollte möglichst wenig Zeit vergehen. „Schon nach einem viertel Jahr Arbeitslosigkeit sinkt die Wahrscheinlichkeit, einen neuen Job zu bekommen, drastisch“, sagt die Vorsitzende des Arbeitslosenverbands Deutschland, Marion Drögsler. Der Verband hilft Arbeitslosen und von Arbeitslosigkeit Bedrohten beim Ausfüllen von Anträgen, bei der Suche nach Stellen und beim Erstellen der Bewerbungsunterlagen. Im Beratungsgespräch kann geklärt werden, ob die Kündigung rechtskräftig ist, noch Urlaubstage ausgezahlt werden müssen oder dem Gekündigten eine Abfindung zusteht. Das Angebot ist kostenlos und für jeden zugänglich.

CHANCEN DER JOBSUCHE ERKENNEN

Michaela Kaufmann machte sich gleich an die Arbeit. Sie ließ Bewerbungsfotos machen, brachte ihren Lebenslauf auf Vordermann und stellte Arbeitsproben zusammen. „Ich wollte alle Unterlagen bereit haben für den Fall, dass sich jemand für mein Profil interessiert oder ich ein interessantes Angebot sehe“, sagt sie. Schließlich bestellte sie Online-Newsletter, in denen Jobs der Werbebranche ausgeschrieben waren. „Bei mir wechselten sich nach der Kündigung zuversichtliche, fast euphorische Phasen ab mit depressiven Momenten“, sagt sie. Noch während der letzten Wochen in ihrer alten Agentur, hatte sie ein Bewerbungsgespräch in München. „Das war eine schöne Selbstbestätigung, auch wenn ich die Stelle ausgeschlagen habe“, sagt sie.

Die Jobsuche kann durchaus Spaß machen, sagt Gerhard Winkler. „Man baut sein Profil und damit sein berufliches Selbstwertgefühl neu auf, formuliert sein Leistungsangebot aus und stellt sich den Gesprächsgelegenheiten“, sagt er.

DIE KÜNDIGUNG NICHT ERWÄHNEN

Es mache einen besseren Eindruck, sich aus einer bestehenden Beschäftigung heraus zu bewerben, sagt Georg Rheinbay, Leiter Personalwesen der Berlin-Chemie AG. Solange man noch im Unternehmen beschäftigt sei, muss die Kündigung auch im Bewerbungsschreiben nicht erwähnt werden . „Besser argumentiert der Bewerber mit dem Interesse an einer neuen Herausforderung“, sagt er.

Wenn ihm ein Bewerber interessant scheint, überrascht er ihn mit einem Telefonanruf. „In so einem spontanen Gespräch erfährt man bereits einiges über die Persönlichkeit des Bewerbers“, sagt er. Bewährt er sich hier, lädt ihn Rheinbay zum persönlichen Gespräch ein. Darin fragt er vor allem nach den beruflichen Stationen. „Eine Frage könnte zum Beispiel sein: ‚Was war die schwierigste Situation in Ihrem Arbeitsleben?' Aus der Antwort erfahre ich, wie der Mensch mit Herausforderungen umgeht und ob er für die ausgeschriebene Position geeignet ist“, sagt der Personaler.

Ein Bewerber sollte auf keinen Fall schlecht über den Ex-Chef sprechen, sondern sein Interesse am neuen Job ausschließlich mit der beruflichen Weiterentwicklung im neuen Unternehmen begründen, rät Rheinbay. Denn wer schlecht über seinen Ex-Chef rede, der würde später eventuell auch schlecht über seinen neuen Arbeitgeber sprechen, wenn es irgendwann einmal Unstimmigkeiten geben sollte.

Michaela Kaufmann schrieb etwa 20 Bewerbungen und wurde zu zwei Gesprächen eingeladen. Im März 2010 fing sie auf Honorarbasis bei einer Firma in Potsdam an – anfangs nur projektweise. Den Tipp gab ihr eine Freundin. Seit sieben Monaten hat sie dort nun einen festen, unbefristeten Arbeitsvertrag. Sie sagt: „Für mich war das das Happy End einer sehr schwierigen Zeit, in der ich viel über mich gelernt habe.“

* Name geändert

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