Gelassene Passagiere : "Das wird ein Erlebnis"

Am ersten Tag sind die Passagiere die Ruhe selbst. Von Chaos keine Spur. Und manche freuen sich sogar auf die Bahn.

von und

Berlin/Frankfurt am Main - Heraklit hätte an den Passagieren von Lufthansa und Germanwings seine helle Freude gehabt. Alles fließt, alles verwandelt sich in sein Gegenteil, erkannte der Philosoph vor rund 2500 Jahren. Und so wird eben aus dem Ärger über streikende Piloten fast so etwas wie Glück. „Mit der Bahn sind wir lange nicht gefahren“, sagt Uwe Freigang, dessen Germanwings-Flug von Berlin-Schönefeld nach Stuttgart ausfällt. „Das wird ein Erlebnis.“ Mit seiner Frau war er übers Wochenende bei einer Familienfeier, jetzt will er zurück nach Hause, und die Ersatzflüge sind schon ausgebucht. Dass er nun ein paar Stunden später ankommt – egal. Der Streik geht in Ordnung. „Heute zählt der Erhalt der Arbeitsplätze“, sagt Freigang und zieht seinen Koffer Richtung Ausgang.

Gelassen stehen die Passagiere vor dem Service-Schalter in Terminal D. Doreen Ritz ist schon frühmorgens am Flughafen, obwohl sie eigentlich erst einen Tag später nach München fliegen wollte, wo die Potsdamerin als Altenpflegerin arbeitet. Der Heimaturlaub ist nun kürzer, aber: „Ich bin froh, dass ich umbuchen konnte“, sagt die junge Frau und rückt ihre schwarze Wollmütze zurecht. Bereits am Freitag hatte sie eine SMS von Germanwings bekommen, beim zweiten Versuch kam sie bei der Hotline durch, verbrachte eine halbe Stunde in der Warteschleife, buchte schließlich um – und trotz des Aufwands steht sie an der Seite der Piloten. „Ich bin dafür, dass die streiken.“

Auch in Tegel sind die Mienen am Streiktag entspannt. „Bisher hat es kein Chaos gegeben, weil viele Leute vorher umgebucht haben“, sagt eine Mitarbeiterin am Check-in. Die Norwegerin Ingrid Reinkind steht am Lufthansa-Schalter Schlange, weil ihr Flug nach Kopenhagen abgesagt wurde. Sie hofft auf eine Umbuchung nach Stockholm, aber wie es von da weitergehen soll, weiß sie nicht. Trotzdem ist auch sie guter Dinge. „Die Mitarbeiter sind hilfsbereit“, sagt Reinkind gelassen und hofft. „Die Mitarbeiter am Schalter waren sehr nett“, sagt Benjamin Radosuboff sogar. Er will nach Frankfurt am Main und tauscht sein Ticket in einen Bahngutschein um. Dass er dadurch später ankommt, störe ihn nicht.

Selbst abreisende Berlinale-Besucher, die lange Filmtage und -nächte hinter sich haben, lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Der Amerikaner Eric Bannat wirkt zwar gestresst. Das liegt aber nicht an der Lufthansa, sondern an den drei großen Taschen, die er vom Info- Schalter zum Gate schleppt. „Der Lufthansa-Service war toll“, sagt Bannat. Er muss nach Washington und kommt jetzt auf einer anderen Route ans Ziel.

Die leichte Unzufriedenheit von Miguel Ferreira da Silva ist schon das höchste der Gefühle – mehr Ärger ist nicht. Mit seinem Bruder hat der junge Portugiese Berlin besucht, sein Flug von Tegel nach Frankfurt am Main fällt aus, nun muss er über London nach Lissabon und landet vier Stunden später als geplant. „Die Verspätung ist zwar unerfreulich, aber es ist schon in Ordnung.“ Dass überhaupt Flugzeuge abheben, wundert Tia Robinson in Schönefeld. Die Sprachschulen-Managerin kommt ursprünglich aus Cincinnati im US-Bundesstaat Ohio. „Ich dachte, wenn gestreikt wird, fallen alle Flüge aus.“ Robinson ist auf dem Weg nach München, und ihr Flug findet statt. Das teilt sie über Handy erleichtert einem Kollegen mit. Nur der Rückflug am Donnerstag ist noch gestrichen. „Das macht nichts. Dann bleibe ich einen Tag länger“, sagt sie. „Ich mag München.“

Und selbst Passagiere, die einen Langstreckenflug in den Knochen haben, zeigen sich langmütig. Maria Brockerhoff ist, aus Neuseeland kommend, in Frankfurt am Main gelandet, ihr Weiterflug nach Düsseldorf ist gestrichen. Übermüdet irrt sie Richtung Bahnhof – aber Verständnis für den Protest der Piloten gegen Billigcrews hat sie trotzdem. „Ich möchte von Lufthansa-Piloten geflogen werden.“ Auch die Geschäftsreisende Melanie von Blohm sagt: „Man muss für seine Rechte als Arbeitnehmer auch einstehen.“ Den Streik nehme sie gelassen, weil sie doch nichts ändern könne. Wenn das keine Anleitung zum Glücklichsein ist. mit dpa

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