Wirtschaft : Geld ist nicht alles, nur Arbeit macht glücklich

Züricher Ökonom: Kürzung der Arbeitslosenhilfe bringt nichts

Anselm Waldermann

Wann ist ein Mensch glücklich? – Unzählige Philosophen haben sich diese Frage im Lauf der Jahrhunderte schon gestellt. Nun hat sich auch die Wirtschaftswissenschaft des Themas angenommen – und kommt, welch Überraschung, zu dem Schluss: Geld ist nicht alles.

Früher waren sich die Ökonomen einig: Wird die Arbeitslosenunterstützung gekürzt, sinkt das Wohlbefinden der Betroffenen. Deshalb sind sie motivierter, sich einen Job zu suchen. Auch die Bundesregierung macht sich diese Sichtweise zu eigen, wenn sie mit der Agenda 2010 die Arbeitslosenhilfe und die Sozialhilfe zusammenlegen möchte. Doch neueste Forschungsergebnisse bringen diese bisherige Lehrmeinung ins Wanken: Nicht die Aussicht auf ein höheres Einkommen veranlasst Erwerbslose zur Jobsuche. Für die meisten Menschen ist Arbeit vielmehr als solche erstrebenswert – egal, zu welchem Gehalt.

„Ob sich ein Erwerbsloser eine Stelle sucht, ist nicht von der Höhe der Arbeitslosenunterstützung abhängig“, erklärt Alois Stutzer vom Institut für Empirische Wirtschaftsforschung der Universität Zürich. „Psychologische Faktoren spielen eine weitaus wichtigere Rolle.“ Denn: Arbeitslosigkeit mache unglücklich. Unabhängig vom Einkommen gebe es daher einen Anreiz, sich einen Job zu suchen.

Zu diesem Ergebnis kommt Stutzer mit Hilfe von Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP), einer langfristig angelegten Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Seit 1984 erforscht das SOEP neben den objektiven Lebensverhältnissen der Deutschen auch ihre subjektive Lebenszufriedenheit. Das Ergebnis: Auf einer Glücks-Skala von null bis zehn geben Erwerbstätige durchschnittlich einen Wert von 7,14 an, Arbeitslose hingegen kommen nur auf 5,78 Punkte. Doch damit nicht genug: „Selbst bei gleicher Höhe von Arbeitslosenunterstützung und Erwerbseinkommen sind Arbeitslose wesentlich unglücklicher als Erwerbstätige“, berichtet Stutzer.

Zwar räumt der Wissenschaftler ein, dass dies nicht für alle Menschen gelten könne. „Natürlich gibt es auch Arbeitslose, die ihre Freizeit genießen“, sagt Stutzer. „Im Durchschnitt jedoch nimmt die Zufriedenheit bei Arbeitslosigkeit stark ab.“ Der Grund liege vor allem in gesellschaftlichen Normen: Das persönliche Umfeld erwarte von jedem, dass er arbeitet. Laut Stutzer lastet dieser Druck vor allem auf Männern: Verlieren sie ihren Job, werden sie unglücklicher als Frauen in vergleichbarer Lage. Das Gleiche gilt für junge Menschen: Sie fühlen sich von Arbeitslosigkeit weit härter getroffen als Alte.

Stutzer zufolge haben die Politiker daraus die Konsequenzen zu ziehen: In erster Linie müsse nicht das Bruttoinlandsprodukt steigen, sondern das Beschäftigungsniveau. „Auch wenn es nur um einfache Mac-Jobs geht: Die Bezahlung spielt nicht die entscheidende Rolle. Hauptsache, es gibt überhaupt Arbeit.“

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