Wirtschaft : Geld spielt nicht die Rolle

Martina Ohm

Auch Wim Duisenberg kann Kanzler Gerhard Schröder nicht aus der Klemme helfen. Selbst wenn es Europas oberster Währungshüter dürfte und wollte, würden drastische Zinssenkungen durch die Europäische Zentralbank (EZB) jetzt nicht verhindern, dass die Arbeitslosenzahlen in Deutschland diesen Winter über die Vier-Millionen-Marke klettern. In der Regel wirkt die Verbilligung des Geldes nämlich erst mit vier- bis sechsmonatiger Verzögerung. Wenn überhaupt. Denn das gesamte Umfeld muss stimmen, sollen niedrigere Zinsen Investoren und Konsumenten animieren. Der Finanzminister etwa darf sich nicht über die Maßen - auf Kosten Privater - verschulden, die Gewerkschaft die Löhne nicht zusätzlich in die Höhe treiben. Ohne den Dreiklang von Finanz-, Tarif- und Geldpolitik wird aus billgem Geld noch kein Konjunkturprogramm.

Freilich gilt im Umkehrschluss genauso: Ohne billiges Geld wird es mit dem Aufschwung auch nichts. Aus gutem Grund besitzt auch die Europäischen Zentralbank (EZB) neben ihrer vordringlichen Aufgabe, Preisstabilität zu gewährleisten, die Möglichkeit, im Ernstfall konjunkturellen Flankenschutz zu leisten. Niedrigere Zinsen verhelfen eben schneller zu einem neuen Auto oder zu einer Wohnung, zu größeren Investitionen - und zu Neueinstellungen.

Allerdings hat der Stabilitätsgedanke in Europa einen wesentlich höheren Stellenwert als in Amerika. Weltwährungskrise, Hyperinflation und Währungsreform - nach den Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts gilt Preisstabilität den Europäern als hohes Gut. Entsprechend zurückhaltend wirkt die EZB-Politik seit Jahresanfang im Vergleich zum Vorgehen der US-Notenbank. Während Fed-Chef Alan Greenspan aus Sorge vor einer beispiellosen Rezession ohne Zögern die Leitzinsen radikal kappte und in zehn Schritten von 6,5 Prozent auf zwei Prozent drosselte, blieben die Europäer mit vier Zinsrunden eher in der Reserve. Im Euroraum sind die Zinsen lediglich von 4,75 Prozent auf 3,25 Prozent gesunken - allein seit dem 11. September um einen Prozentpunkt.

Europas Zentralbanker in der Reserve

Gut möglich, dass die junge EZB mit mehr Entschlossenheit auch dem ökonomischen Schwergewicht Bundesrepublik geholfen hätte. Eine stärkere Wirtschaft im Euro-Raum wäre auch ein gutes Argument für den Euro, dessen Kurs selbst von der aktuellen Krise Amerikas nicht profitiert. Doch man muss der EZB zu Gute halten, dass sie sich angesichts der Preis- und Wachstumsgefälle im Euro-Raum durch Zurückhaltung wohl mehr Glaubwürdigkeit verschafft.

Fest steht: Europas Zentralbank besitzt mittlerweile einen größeren Handlungsspielraum als die Fed. Nicht nur, weil die Inflation im Euro-Raum kontinuierlich sinkt und im November mit 2,1 Prozent - nach 2,4 Prozent im Oktober - beinahe wieder im grünen Bereich liegt. Um 0,5 Prozentpunkte auf 2,75 Prozent kann der europäische Leitzins noch sinken. Die Amerikaner hingegen müssen aufpassen, dass sie es nicht übertreiben. Denn der Fall Japan zeigt, wie man sich in die Sackgasse manövrieren kann. Selbst Zinsen zum Nulltarif helfen Nippons Wirtschaft derzeit nicht auf die Beine.

Nun ist Japan nicht Amerika. Amerikas Banken sind stark, Zinssenkungen werden an Verbraucher und Unternehmer problemlos weitergegeben. Und sie wirken: Im kommenden Frühjahr, darin sind sich die Konjunkturpropheten einig, geht es wieder aufwärts. Am Kapitalmarkt kann man es sehen: Mit 4,9 Prozent übertreffen die langfristigen Zinsen in USA erstmals seit langem wieder das europäische Niveau.

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