Geld und Religion : Im Namen des Mammon

Die Bibel verdammt den Kapitalismus nicht. Sie mahnt die Unternehmer aber zur Mäßigung.

Miriam Schröder
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Die Anbetung des Mammon. Gemälde von Evelyn de Morgan, um 1909. -Foto: akg

Wenn es um religiöse Gefühle geht, besitzen kleine Sätze manchmal eine große Sprengkraft. Das hat kürzlich auch Lloyd Blankfein erfahren, Chef von Goldman Sachs, einer der mächtigsten Banken der Welt. Anfang November sagte Blankfein in einem Interview mit der englischen „Sunday Times“, er sei „nur ein Banker, der Gottes Werk verrichtet“. Mit diesen Worten löste der Bankchef so wütende Proteste aus, dass er sich später dafür entschuldigte. Zu Recht? 

Kann das ein christliches Geschäft sein, in dem gewissenlose Zocker das Vermögen und die Jobs anderer Menschen verspielt haben, dessen Shareholder schon wieder Milliardengewinne einstreichen und das seinen Managern astronomisch hohe Boni beschert? Was sagt Gott eigentlich über Geld?

Das bekannteste Bibelzitat zu diesem Thema steht in der Bergpredigt. „Ihr könnt nicht Gott dienen und zugleich dem Mammon“, sagt Jesus. Das Wort „Mammon“ stammt aus dem Aramäischen und bedeutete ursprünglich „Vermögen“. Heute ist es zum Inbegriff für den schlechten Charakter des Geldes geworden. Dabei verdammt die Bibel den Reichtum keineswegs. In der Genesis heißt es: „Der Herr hat meinen Herrn Abraham reichlich gesegnet, so dass er zu großem Vermögen gekommen ist. “

„Die Bibel fordert nicht von allen Armut“, sagt Rolf Schieder, Professor für praktische Theologie an der Humboldt- Universität. „Doch das Geld wird zur dämonischen Macht, wenn der Mensch sich ausbeuterisch gegenüber anderen verhält.“ Man müsse die Bibel als Sozialkritik ihrer Zeit verstehen, die Ungerechtigkeit und Armut an den Pranger stellt. Immer wieder wird die Pflicht zur Fürsorge gegenüber Schwächeren angemahnt. „Aber“, fragt Schieder, „wie will man für die Armen sorgen, wenn man selbst nichts hat?“ 

So hat die Schrift auch durchaus kapitalistische Kapitel. Das Matthäus-Evangelium erzählt die Geschichte von dem Herrn, der jedem seiner drei Knechte ein paar Zentner anvertraute und dann für Jahre verschwand. Als er zurückkam, hatten zwei der Knechte das ihnen anvertraute Geld investiert und präsentierten ihrem Herrn den Gewinn. Der Dritte hatte seinen Zentner vergraben und gab ihn zurück. „Da wurde der Herr böse und sprach: Du Schalk und fauler Knecht (...) So solltest du mein Geld zu den Wechslern getan haben, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine zu mir genommen mit Zinsen.“

„Investieren widerspricht nicht dem Christentum“, sagt Theologe Schieder. Allerdings wird in der Bibel an vielen Stellen kritisiert, dass Menschen Geld verleihen, um mit den Zinsen Gewinn zu machen. Besonders drastisch formuliert es der Prophet Ezechiel: „Wer aber auf Zinsen gibt und einen Aufschlag nimmt – sollte der am Leben bleiben? “

Das biblische Zinsverbot hat im Mittelalter dazu geführt, dass die Christen den Juden die Rolle des schmutzigen Geldverleihers zuwiesen. Und das, obwohl der Prophet Ezechiel im alten Testament auftritt, der Bibel der Juden. Auch im Koran wird der Zins verurteilt, in der islamischen Religionslehre gilt dieser Grundsatz heute noch.

Hans-Georg Ebert, Professor für islamisches Recht an der Universität Leipzig, meint, das Zinsverbot in den drei Religionen habe denselben Ursprung. In der Zeit, als die Bücher geschrieben wurden, habe es in der Region viele arme Menschen gegeben, die sich verschulden mussten, hohe Zinsen zahlten und zu Sklaven ihrer Gläubiger wurden. „Wucherzins“ heißt es oft.

Christliche und islamische Gelehrte beriefen sich aber auch auf den griechischen Philosophen Aristoteles, der sagte, dass Geld nur ein Tauschmittel sein kann, dass es einen realen Gegenwert braucht. Kurz gesagt: Man kann nicht Geld mit Geld machen.

Nach der Reformation hoben die Protestanten das Zinsverbot auf. Die katholische Kirche zog im 19. Jahrhundert nach. Der Reformator Johannes Calvin unterschied zwischen gerechten und ungerechten Zinsen: „Von Armen darf kein Zins genommen werden, und keiner, der von Not in die Enge getrieben oder von Unheil betroffen ist, darf genötigt werden.“ Wer aber Geld verlieh, damit ein anderer damit ein Unternehmen gründete oder ausbaute, der sollte nach Calvin auch einen Gewinn erwarten dürfen. Eine florierende Wirtschaft, so die These, nützt am Ende auch den Armen.

Ähnlich argumentiert der Goldman- Sachs-Chef. In dem Interview mit der Sunday Times beschrieb er das Werk seiner Bank: „Wir helfen Unternehmen zu wachsen, indem wir ihnen bei der Kapitalbeschaffung helfen. Unternehmen, die wachsen, schaffen Vermögen. Das wiederum schafft Arbeitsplätze für Leute, die mehr Wachstum und mehr Wohlstand schaffen.“

Millionenschwere Boni und hochriskante Spekulationsgeschäfte hatte Johannes Calvin sicher nicht im Sinn. Er predigte die Askese. Beruflicher Erfolg sei ein Geschenk Gottes und diesem durch noch härtere Arbeit zu danken. „Protestantische Arbeitsethik“ nannte das Max Weber, der Calvin als Wegbereiter des Kapitalismus sah. Der Idealtypus des Kapitalisten war für Weber der amerikanische Unternehmer John D. Rockefeller, der sein Vermögen „Gottesgeld“ nannte. Geld also, das eigentlich Gott gehörte und das er auf Erden verwalten und vermehren sollte.

„Die Erde ist dem Menschen nur geliehen“, ist für Theologieprofessor Schieder die zentrale Aussage der Bibel zum Umgang mit Geld. „Der Christ darf wirtschaften, er darf Gewinne machen, er soll es sogar, aber er darf nicht alles für sich selbst verwenden.“ Was aber heißt „nicht alles“?

In der Bibel steht: „Du sollst den Zehnten geben.“ Vielleicht hat Lloyd Blankfein das noch einmal gelesen, bevor er sich entschuldigte.

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