Geldanlage in der Türkei : Wie riskant sind türkische Aktien und Anleihen?

Das Wirtschaftswachstum der Türkei schwächelt, Arbeitslosigkeit und Inflation steigen. Deshalb ist eine Geldanlage in der Türkei derzeit riskant. Experten sehen langfristig durchaus Potenzial an dem Land.

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Glück und Geduld braucht, wer derzeit in der Türkei investieren will.
Glück und Geduld braucht, wer derzeit in der Türkei investieren will.Foto: michaklootwijk Fotolia

Die Erwartungen an die Türkei waren groß. Angesichts des rasanten Wirtschaftswachstums des Landes hatten Experten bereits vom „Anatolischen Tiger“ gesprochen. Doch derzeit ist davon keine Rede mehr: Das Wachstum schwächelt, Arbeitslosigkeit und Inflation steigen weiter an. Auf der Liste der größten Volkswirtschaften der Welt ist die Türkei mittlerweile auf Platz 19 abgerutscht. Wie es wirtschaftlich im Land nun weitergeht, hängt auch davon ab, wie die Parlamentswahlen am Sonntag ausgehen werden.

ERDOGANS MACHT

Präsident Recep Tayyip Erdogan, der zuvor schon zwölf Jahre Regierungschef war, will das Land zu einer autokratisch geführten Präsidialrepublik umwandeln. Während manche Analysten in einem straff geführten Regime Chancen für rasche Reformen sehen, sind andere sehr skeptisch. Erdogans Pläne, so glaubt Türkei-Spezialist Michael Harris von Renaissance Capital, könnten eine „existenzielle Bedrohung für die türkische Demokratie“ sein.

Schon jetzt mischt sich die Politik stark ins Wirtschaftsgeschehen ein. Aufsehen erregte zuletzt die Pleite der Asya-Bank, die Erdogans Erzrivalen Fetullah Gülen nahesteht. Angeblich sollen staatseigene oder staatsnahe Unternehmen gezielt Gelder aus der Bank abgezogen haben. Inzwischen hat die Finanzaufsicht das Bankhaus übernommen.

Auch das börsennotierte Familienunternehmen Koc, zu dem die deutsche Traditionsfirma Grundig gehört, bekam die Macht des Präsidenten zu spüren. Nachdem der Konzern die Anti-RegierungsProteste im Gezi-Park unterstützt hat, kam es zu Razzien und staatlichen Ermittlungen gegen das Unternehmen – wegen angeblicher Steuerhinterziehung und illegalem Energiehandel.

Und selbst die Notenbank geriet zuletzt ins Visier der Politik: Weil ihr Chef auf seine Unabhängigkeit pochte, wurde er öffentlich als „Verräter“ gerügt.

Kurz vor den Wahlen ist die Unsicherheit der Investoren daher groß. Einige Umfragen deuten darauf hin, dass die Kurdenpartei HDP die Zehn-Prozent-Hürde auf dem Weg ins Parlament knacken und damit sogar Erdogans AKP erstmals seit 2002 zu einer Koalitionsregierung zwingen könnte. Für die Türkei könnte dies Reformstillstand und erhebliche politische Auseinandersetzungen bedeuten, glaubt Tunc Ural von HSBC Istanbul. Auch Morgan Stanley stuft das Land deshalb als politisch unsicher ein.

DER RÜCKZUG DER INVESTOREN

Schon jetzt haben etliche ausländische Investoren ihre Gelder aus der Türkei abgezogen. Ablesen lässt sich das an der Entwicklung der Lira und am schrumpfenden Handel mit EU-Ländern zugunsten der Emirate und des Iran. 2,99 türkische Lira kostet ein Euro derzeit. Vor fünf Jahren war die Lira noch 54 Prozent stärker. Für deutsche Anleger ist das bitter. Aufgrund des niedrigen Kurses der Lira machen sie mit türkischen Aktien derzeit Verluste – und das obwohl die Börsenkurse deutlich zugelegt haben.

Ähnliches gilt für Anleihen, die auf Lira lauten. Zwar werfen türkische Staatsanleihen, je nach Laufzeit und Währung, zwischen zwei und neun Prozent Zinsen ab. Doch sowohl die Kursgewinne als auch die Kupons werden von Währungsverlusten aufgefressen. Wegen der Sorgen um die Unabhängigkeit der Notenbank im Fall eines durchschlagenden Wahlsiegs von Erdogans AKP hat die Ratingagentur Standard & Poor’s die Bonität türkischer Lira-Anleihen um eine Stufe auf BBB- gesenkt. Eine Alternative bleiben da auf Euro oder Dollar lautende türkische Anleihen – die jedoch deutlich geringere Kupons versprechen.

DAS LANGFRISTIGE POTENZIAL

Trotz kurzfristiger Risiken betonen Analysten aber das langfristige Potenzial der Türkei. Die Bevölkerung ist jung, die Staatsfinanzen sind solide. Der Vermögensverwalter GVS Solutions glaubt sogar, dass es nach den BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) nun Zeit für TRICK sei: also für Investments in Russland, Indien, China, Korea – und die Türkei. Das Land sei ein Tor zwischen Europa und dem Nahen und Mittleren Osten.

DIE ANLAGE-MÖGLICHKEITEN 

Wer in der Türkei anlegen möchte, kann einige Aktien der Börse Istanbul auch in Frankfurt kaufen, aber auch auf einen aktiv gemanagten Fonds beziehungsweise passive Indexpapiere und damit auf einen Aktienkorb setzen, was das Risiko senkt. Der Dollar-ETF ishares MSCI Turkey investiert das Geld der Anleger zum Beispiel in 19 große Werte des türkischen Aktienmarktes. Allerdings ist er sehr bankenlastig und hat seit 2009 wegen der Lira-Schwäche ein Minus von 16,5 Prozent eingefahren. Der ETF Lyxor Turkey Titans notiert in Euro und liegt auf Sicht von fünf Jahren knapp sechs Prozent im Minus. Der aktive gemanagte DWS Türkei aus dem Haus der Deutschen Bank hat zwar ein Fünfjahresplus von gut sieben Prozent erwirtschaftet, doch muss der Anleger davon seinen zu Beginn der Geldanlage fälligen Ausgabeaufschlag von fünf Prozent abziehen.

Alle Papiere investieren vor allem in die großen Aktienkonzerne der Türkei: Dazu zählen der Immobilienkonzern Emlak Konut, die Industrieholdings Koc und Haci Ömer Sabanci, die Banken Türkiye Is Bankasi oder Vakifbank oder der Automobilkonzern Tofas, der für Fiat produziert.

Generell gilt: Investoren in der Türkei benötigen Furchtlosigkeit. In den vergangenen zehn Jahren ist die Börse mehrfach um mehr als 100 Prozent gestiegen, aber ebenso oft auch um 50 Prozent abgestürzt. Nach den Wahlen könnte eine weitere starke Bewegung warten, prophezeien Analysten – je nach Ergebnis.

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