Geldanlage : Noten für Nachhaltigkeit

Sozial-ökologisches Denken und Leben ist in. Der Trend macht auch vor Anlegern nicht halt. Ratingagenturen geben Orientierung.

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Gold ist nicht immer die Lösung. Anlegen kann man auch anders, modern und ökologisch.
Gold ist nicht immer die Lösung. Anlegen kann man auch anders, modern und ökologisch.Foto: dpa

Bio-Lebensmittel, Ökostrom, Kleidung aus Green Cotton – viele Menschen wollen ökologisch und sozial verantwortlich leben. Keine Tierquälerei, keine Atomkraft, keine Kinderarbeit. Bewusst zu leben ist in Mode gekommen. Immer mehr Verbraucher sind bereit, mehr Geld auszugeben, um Produkte zu kaufen, die bestimmte soziale und ökologische Standards erfüllen. Doch kann man auch sein Vermögen in dieser Art – also nachhaltig – anlegen?

Einige Banken bieten seit Jahren Investitionen in solche Geldanlagen an. 2011 konnten deutsche Anleger aus insgesamt 289 nachhaltigen Publikumsfonds auswählen, das Volumen lag bei 28,11 Milliarden Euro. Einem aktuellen Bericht des Forums Nachhaltige Geldanlagen zufolge haben die entsprechenden Anlagemärkte in Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen um knapp zehn Prozent zugelegt. Das entspricht einem Marktvolumen von 103,5 Milliarden Euro.

Der Anteil der Privatanleger ist noch gering. Nachhaltig investieren vor allem Institutionen wie Stiftungen, Pensionskassen oder kirchliche Träger. Stefan Löbbert, Leiter im Bereich Nachhaltigkeitsmanagement bei der Hypovereinsbank, sagt: „Die meisten bringen Nachhaltigkeit und Geldanlage nicht zusammen.“ Ein bisschen sei das wie im Supermarkt. „Es gibt den Bio-Bereich und es gibt den normalen Bereich. Nicht viele kaufen die Bio-Produkte. Die meisten Deutschen fragen wenig nach und interessieren sich nicht besonders für das Thema.“

Claus Gruber von DWS Investments, der Fondstochter der Deutschen Bank, schätzt es anders ein: „Diejenigen, die Nachhaltigkeit im engeren Sinn denken und leben, werden mit dem, was wir machen, nicht einverstanden sein. Sie verfolgen selten das Primat der Ökonomie – und genau das machen wir. Ökonomischer Erfolg ist unser höchstes Ziel.“ Den Begriff Nachhaltigkeit verwendet Gruber daher nicht gern, lieber spricht er von „Responsibility“, also Verantwortung.

Zu den Vertriebspartnern der DWS gehören unter anderem die Postbank, die Commerzbank, die Deutsche Bank und die Sparkassen. Seit August 2010 investiert DWS Investments nicht mehr in Unternehmen, die Streubomben herstellen oder vertreiben, das gilt für alle Fonds. Zu den Ausschlusskriterien des Aktienfonds „DWS Invest Responsibility“ (Wertpapierkennnummer: 552512) gehören zum Beispiel „Kontroverse Waffen“ (also Streubomben, Landminen, ABC-Waffen und Handfeuerwaffen), Pestizide, genetisch veränderte Organismen, Tabak und Pornografie. Für „sonstige Waffen und Sonderanfertigungen“ ist ein Grenzwert von zehn Prozent festgelegt.

Bei der Hypovereinsbank (HVB) sind im nachhaltigen Segment etwa fünf bis zehn Prozent der Kunden Privatkunden. Die Kleinanleger greifen in der Regel zu normalen Fonds-Produkten. Bei den kleinen Anlagevolumina ist das Nachhaltigkeitsprodukt vorgefertigt und enthält bestimmte Ausschlusskriterien wie Rüstung oder Glücksspiel. Bei der Vermögensverwaltung kann der Kunde die Kriterien selbst festlegen. „Auf Performance muss man dabei nicht verzichten, ganz im Gegenteil“, sagt Stefan Löbbert.

Dieser Meinung ist auch Rolf Häßler. Er ist Sprecher der nachhaltigen Ratingagentur Oekom Research, die die Recherchearbeit für Geldinstitute wie die Hypovereinsbank übernimmt. Eine kürzlich erschienene Studie von Oekom belegt, dass man mit nachhaltigen Geldanlagen sogar eine bessere Rendite erzielen kann und ein geringeres Risiko hat. Oekom ist eine von drei nachhaltigen Ratingagenturen in Deutschland, neben Imug in Hannover und Sustainalytics in Frankfurt am Main.

Nachhaltigkeit ist schwer überprüfbar. Dass es keinen universal verbindlichen Kriterienkatalog gibt, hält Häßler aber für eine Stärke: „Jeder muss sich darüber Gedanken machen, was ihm im sozial-ökologischen Bereich wichtig ist.“ Oekom Research hat sein Nachhaltigkeitsverständnis in neun Geboten formuliert, darunter der Schutz der natürlichen Umwelt und eine faire Weltwirtschaftsordnung. Auf dieser Basis sind für alle Branchen spezifische Nachhaltigkeitskriterien entwickelt worden.

Die Unternehmen, die Oekom unter die Lupe nimmt, werden gebeten, Nachhaltigkeitsberichte, Umweltreports oder Umweltleitlinien zur Verfügung zu stellen. Diese werden in einen Ratingreport eingearbeitet, den das Unternehmen bei Bedarf ergänzt. Oekom spricht außerdem mit unabhängigen Quellen: Umweltverbänden, Nichtregierungs- und Menschenrechtsorganisationen, Antikorruptionsinitiativen. Mit ihnen wird diskutiert, ob die Angaben der Unternehmen – etwa über Umweltstandards in Südamerika – korrekt und plausibel sind. Am Ende des Bewertungsverfahrens steht eine Gesamtnote auf einer Skala von „A+“ bis „D-“ und ein „Best-In- Class-Status“, der angibt, ob das Unternehmen innerhalb seiner Branche unter den besten ist. Nach diesem Best-in-Class-Status investiert der überwiegende Teil der Oekom-Kunden.

Von den rund 3000 analysierten Unternehmen erfüllen lediglich 500 die Mindestanforderungen im Bezug auf Nachhaltigkeit, sie bekommen den sogenannten Prime-Status. Oekom-Sprecher Rolf Häßler ist mit dieser Zahl zufrieden: „Wenn ganz viele Unternehmen den Prime-Status erreichen würden, dann wären unsere Kriterien nicht scharf genug. Eine 100-Prozent-Quote ist nicht unser Ziel.“ Solange nicht alle Unternehmen wirklich nachhaltig wirtschafteten, müsse der Wettbewerb um ein gutes Nachhaltigkeitsrating bestehen bleiben. Oekom Research verzeichnet ein deutlich gewachsenes Interesse an nachhaltigen Kapitalanlagen.

Derzeit wird in der Finanzbranche diskutiert, ein Nachhaltigkeits-Label für Anlageprodukte einzuführen. Das soll den Begriff transparenter machen, ihm Konturen und Inhalt geben. Dies werde den Kunden die Entscheidung erleichtern, glaubt Löbbert. Auch Gruber von der DWS begrüßt ein Label: „Ich bin dafür – durchaus mit dem Bewusstsein, dass das sehr schwierig werden wird.“ Aber diesen Weg müsste man gehen, meint Gruber. Denn Nachhaltigkeit sei auch in der Welt der Finanzen eine Art Entdeckungsreise.

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