Geldanlage : Pharma- und Biotech-Aktien boomen

Biotech- und Pharma-Aktien sind bei Investoren beliebt. Doch Anleger können die Risiken nur schwer einschätzen

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Die Erforschung von Medikamenten kostet ist teuer.
Die Erforschung von Medikamenten kostet ist teuer.Foto: dpa

Die Pharma- und Biotech-Branche wächst und verändert sich schnell. Konzerne wie Bayer, Merck oder Sanofi bekommen zunehmend Konkurrenz von einst kleinen Biotech-Firmen: Während viele Patente der großen Konzerne auslaufen, machen die jungen Unternehmen neue Entdeckungen. schubsten überdies ein Fusions- und Übernahmekarussell an, an dessen Ende eine zunehmende Verschmelzung der Branchen Pharma, Biotech und Healthcare stehen könnte. Für Anleger bedeutet das große Chancen –allerdings ist der Markt auch nicht ohne Risiken. Vier der zehn attraktivsten Aktien der vergangenen fünf Jahre stammen aus der Pharma- und Biotech-Branche, zeigt eine Studie der Boston Consulting Group. Besonders gut abgeschnitten haben dabei zum Beispiel Biotechfirmen wie Pharmacyclics, Regeneron Pharmaceuticals, Biogen, Celgene sowie der dänische Diabetes-Spezialist Novo Nordisk. Ein Grund für diesen Aufschwung sind die Innovationen aus der Biotechnologie, die natürliche Substanzen wie Eiweiße verändert, neu kombiniert oder individuell anpasst. Mittlerweile stammt jedes zweite neu zugelassene Präparat aus einem biotechnologischen Labor. Nach den Daten der Unternehmensberatung Ernst & Young liegt die weltweite Marktkapitalisierung der Biotech-Branche mittlerweile bei mehr als einer Billion Dollar.

Die Branche profitiert von der wachsenden Weltbevölkerung

Die Branche profitiert vor allem von der wachsenden Weltbevölkerung und der wachsenden Mittelschicht: Zivilisationskrankheiten wie Diabetes oder Herzerkrankungen nehmen zu, die medizinischen Ausgaben steigen. Weltweit wächst zudem Lebenserwartung und dadurch der Bedarf an medizinischer Versorgung. Seit 1990 ist sie im Schnitt von 188 Ländern bereits um sechs Jahre auf 71,5 Jahre geklettert, was nicht nur mit verbesserter Ernährung und Hygiene, sondern auch mit einer besseren Gesundheitsvorsorge zu tun hat. Setzt sich der Trend fort, könnte die Lebenserwartung für ein 2030 geborenes Kind im weltweiten Schnitt auf über 81 Jahre steigen.Davon profitieren auch Biotech- und Pharmaunternehmen besonders stark.

Die Entwicklung neuer Medikamente ist teuer

Was die Entwicklung eines Medikamentes für Patienten, ein Unternehmen und seine Anleger bewirken kann, zeigt „Sofosbuvir“, ein von Gilead entwickelter Wirkstoff, der auch in Deutschland zugelassen wurde und vielen Hepatitis-C-Patienten Heilung verspricht. Er soll sie vor Leberkrebs und Leberzirrhose bewahren – und die Solidargemeinschaft vor den hohen Kosten jahrelangen Leidens. Allerdings lässt sich der US-Konzern das teuer bezahlen: Eine Tablette, von der pro Therapie 84 Stück nötig sind, kostete anfangs 700 Euro. Das bescherte dem Unternehmen allein in den ersten sechs Monaten nach der Zulassung Einnahmen von 5,8 Milliarden Dollar. Der Kurs der Gilead-Aktie legte zwischen Januar und Oktober um 54 Prozent zu.

Dass er seither seitwärts pendelt, hat nicht nur damit zu tun, dass Kassen Rabatte ausgehandelt haben, sondern auch mit einem neuen Konkurrenzprodukt namens Viekirax. Entwickelt hat es Abbvie – eine Biotech-Firma, die Therapien gegen Alzheimer, Parkinson und verschiedene Krebsarten erforscht und ihren Aktienkurs seit der Erstnotierung Anfang 2013 verdoppelt hat. Mit dem neuen Medikament hat zwar ein Preiskampf eingesetzt, doch kostet eine Therapie auch hier etwa 50 000 Euro: die Krankenkassen stöhnen, Patienten und Aktionäre freuen sich. Abbvie ist wohl eine der Firmn, die hinter vielen Übernahmen steht.

In der Branche gab es jüngst zahlreiche Übernahmen und Fusionen

Zuletzt hat es in der Branche immer wieder Übernahmen und Fusionen gegeben. Allein 2014 und 2015 dürften Käufe und Fusionen von einer halben Billion Dollar beurkundet werden, schätzt Ernst & Young. Der irische Konzern Shire plant zum Beispiel gerade eine feindliche Übernahme des US-Rivalen Baxalta und will zu einem weltweiten Spezialisten für seltene Krankheiten aufrücken. Die israelische Teva, Nummer zehn in der Welt, Marktführer für Generika und bekannt durch die Marke Ratiopharm, hat sich für 36,6 Milliarden Euro die Generika-Sparte von Allergan gekauft. Nach Bekanntgabe des Deals stieg die Teva-Aktie um zwölf Prozent. Abbvie wiederum hat kürzlich den Krebsforscher Pharmacyclis übernommen. Damit holte sich Abbvie eine neue Produkt-Pipeline ins Haus – eine Strategie, die Schule macht. Statt selbst Geld und Zeit zu investieren, kaufen große Konzerne kleinere Firmen auf, die bereits Wirkstoffe in fortgeschrittenem Entwicklungsstadium im Portfolio haben.

Nicht jedes Medikament läuft so gut wie angenommen

Dass allerdings längst nicht jede Entwicklung hält, was sie verspricht, mussten gerade die Anleger von Biogen erleben. Weil ein Multiple-Sklerose-Medikament nicht zum erhofften Kassenschlager wurde und ein Präparat gegen Alzheimer doch nicht so heilbringend sein könnte wie erwartet, kappte das Unternehmen seine Prognosen: Die Aktie verlor ein Viertel ihres Werts. Regeneron hingegen ist mit einem Plus von 2346 Prozent nicht nur die erfolgreichste Aktie der vergangenen fünf Jahre im Technologieindex Nasdaq 100, sondern erwartet die Zulassung eines Medikaments, das Blutfette senken soll und zu einem der meistverkauften Präparate überhaupt werden könnte.

Deutschen Biotechs fehlt oft das Risikokapital

In Deutschland mischen nur wenige Firmen im Multimilliarden-Dollar-Markt Biotech mit. Häufig fehle das Risikokapital, um die Forschung zu finanzieren, heißt es. Denn für jedes Arzneimittel, das zur Marktreife kommt, müssen zuvor Tausende Substanzen getestet werden. Einen Schub erhoffen sich die deutschen Unternehmen von der amerikanischen Bill-Gates-Stiftung: Sie hat im Frühjahr 46 Millionen Euro in CureVac investiert. Das Tübinger Biotech-Unternehmen will Impfungen gegen Tuberkulose und Aids und Medikamente gegen bestimmte Tumore entwickeln. CureVac gehört mehrheitlich dem SAP-Gründer Dietmar Hopp, der sich auch einen Börsengang vorstellen kann. Es wäre der erste eines Biotech-Unternehmens in Deutschland seit 2007.

Das Münchner Unternehmen Morphosys entwickelt Antikörperwirkstoffe

Unter den deutschen Biotechs sticht außerdem auch Morphosys hervor. Die Anleger des Münchner Unternehmens mussten zuletzt jedoch zwei Rückschläge verkraften: Ende 2014 wurde die Entwicklung eines Alzheimer-Medikaments eingestellt, im März kam das Ende der Kooperation mit dem US-Konzern Celgene bei der Entwicklung eines Krebsmedikaments. Die im Tec-Dax notierte Aktie liegt auf Jahressicht im Minus, hat ihren Käufern seit 2010 jedoch ein Plus von 329 Prozent beschert. Derzeit hat Morphosys noch 24 Antikörperwirkstoffe in der Pipeline. Bayer spricht derzeit von 50 denkbaren neuen Medikamenten, von denen15 bereits in der letzten Phase vor der Zulassung seien. Die Aktie liegt im Fünfjahresvergleich auf dem drittbesten Platz im Dax, mit einem Plus von 170 Prozent. Der britische Fondsanbieter Fidelity sieht bei den Bewertungen der europäischen Healthcare-Werte neben Bayer auch bei Roche und Sanofi noch Luft nach oben.

Anleger können die Risiken einzelner Unternehmen nur schwer einschätzen

Das Problem: Anleger können Risiken einzelner Unternehmen kaum verlässlich einschätzen. Wer das Risiko eines Fehlgriffs reduzieren will, muss daher auf die Expertise eines Fondsmanagers vertrauen. Auch passive Produkte gibt es reichlich. Unter den Fonds für Gesundheitsaktien kann der Anleger wählen: Zwischen weniger spekulativen, die oft unter „Healthcare“ oder „Life Science“ firmieren und meist auf eine Mischung großer Pharmafirmen wie Roche und Sanofi und größerer Biotechs wie Celgene oder Gilead setzen. Sie haben ihren Käufern seit 2012 jedes Jahr 14 und 42 Prozent gebracht. Bei Fonds, die nur auf Biotech-Werte setzen, liegt die Bandbreite bei 35 bis 50 Prozent. Passive Fonds (ETF), die auf Indizes wie den MSCI Healthcare setzen, schafften maximal 27 Prozent pro Jahr. Inzwischen sind auch ETF auf dem Markt, die nur den Nasdaq Biotechnology Index abbilden. Die besten aktiv gemanagten Fonds schlagen den Index und damit die ETF jedoch deutlich. Expertise macht sich also bezahlt. Eine Art Fonds im Aktienmantel ist BB Biotech, eine Schweizer Gesellschaft, die in Biotech-Unternehmen investiert und das Geld der Anleger in größere, etablierte Firmen und in kleinere, teilweise noch nicht börsennotierte aufteilt. Binnen eines Jahres hat sich ihr Aktienkurs verdoppelt.

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