Wirtschaft : Geldpolitik: Der Zins leitet die Anleger

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So mancher Anleger wird sich in den ersten Tagen dieses Jahres einen Blick auf die von seiner Hausbank zugestellten Depotauszüge erspart haben. Nach vielen Jahren üppiger Wertsteigerungen wiesen die weitaus meisten Aktiendepots im vergangenen Jahr rote Zahlen aus. Ob das Verhältnis der Bürger zur Anlageform Aktie und damit auch die noch recht junge Aktienkultur durch die negative Entwicklung im Jahr 2000 Schaden genommen hat, wird erst die Zukunft zeigen. Der Start in das Jahr 2001 ist in dieser Hinsicht jedoch ermutigend. Eindeutigen Rezessionsgefahren begegnete die US-Notenbank bereits in den ersten Tagen des Jahres mit einer kräftigen Zinssenkung, der in dieser Woche ein zweiter Schritt folgte.

Fed-Chef Alan Greenspan hat dabei zum ersten Mal während seiner Amtszeit zweimal hintereinander die Leitzinsen um je 50 Basispunkte gesenkt. An den Märkten wird dies überwiegend als ein verzweifelter Versuch der Notenbank zur Vermeidung einer harten Landung der Konjunktur interpretiert. Doch wenn nicht alles täuscht, dann hat die US-Wirtschaft diese harte Landung bereits vollzogen.

Zusammenbrüche zahlreicher Internet-Unternehmen, Massenentlassungen in der Automobilindustrie, Gewinnwarnungen in fast allen Wirtschaftsbereichen, rasch sinkendes Verbrauchervertrauen - eindeutiger können die Rezessionssignale wohl kaum sein. Dies hat auch die US-Notenbank erkannt und in ihrer Geldpolitik rasch umgesetzt. Wer glaubt, der europäische Wirtschaftsblock könne sich diesen negativen Einflüssen entziehen, muss wohl als Fantast gelten. Zum anderen erweist sich der gestärkte Euro bereits als Bremse für den Exportmotor in Europa.

Eine regionale Abkoppelung in einer von Liberalisierung und Globalisierung geprägten Wirtschaftsordnung ist nur für einen kurzen Zeitraum möglich. Die Akteure an den Aktienbörsen reagieren deshalb gegenwärtig nach dem Motto "schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten". Nicht die alarmierenden Konjunkturmeldungen, sondern vielmehr der Zins und noch stärker die auf der Geldpolitik der Notenbanken basierende Hoffnung sind die Bestimmungsgrößen für die Aktienmärkte. An der Börse wird bekanntlich nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft gehandelt.

Die ersten knapp fünf Wochen des neuen Jahres lassen den Schluss zu, dass die Anleger an die Wunderwaffe Zins glauben. Alan Greenspan hat für die USA eine weitere Möglichkeit für das Vermeiden einer tiefen Rezession aufgezeigt - nämlich die Fiskalpolitik. Im Hinblick auf die von der Regierung Georg W. Bush aufgezeigten Pläne zur Reduzierung der Steuerlast äußerte sich Greenspan positiv. So liegt das Wohl und Wehe der US-Wirtschaft - und damit mehr oder weniger der gesamten Weltwirtschaft - nicht nur in der Verantwortung der Notenbank. Vor dem Hintergrund enger globalökonomischer Netze ist kaum zu erwarten, dass sich die Europäische Zentralbank noch lange gegen eine Senkung der Euro-Leitzinsen stellt; dafür war es am Donnerstag noch zu früh. Doch da die Inflationsrisiken geringer geworden sind, hat die EZB Spielraum gewonnen. Der jüngste Preisanstieg ist zuerst Einmal-Effekten administrativer Preiserhöhungen zuzuschreiben. Von der außenwirtschaftlichen Flanke drohen wegen des gestärkten Euros bei gleichzeitig stark rückläufigem Ölpreis nicht mehr die Gefahren vergangener Monate.

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