Gemeinsam arbeiten : Die Büro-WG

Immer mehr Freiberufler arbeiten in „Co-Working-Spaces“ – Bürogemeinschaften auf Zeit, in denen sie sich austauschen und Mitstreiter für neue Projekte finden können

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Zusammen ist man weniger allein.
Zusammen ist man weniger allein.

In der geräumigen Fabriketage wird zwischen Regalen aus weißem Kunststoff konzentriert gearbeitet. An schlichten Schreibtischen sitzen Webdesigner, Übersetzer, Journalisten oder Grafiker vor ihren Laptops. Einige schreiben, andere telefonieren. Kleine Teams besprechen aktuelle Aufträge.

Sie alle arbeiten im Betahaus in Kreuzberg, einem sogenannten Co-Working-Space – einem Gemeinschaftsbüro mit Arbeitsplätzen, die tage- oder monatsweise gemietet werden können.

Der Journalist Alexander Visser ist einer der Mieter. Das Betahaus biete mehr Vorteile als eine feste Bürogemeinschaft, sagt er: „Durch die Fluktuation entstehen viele Möglichkeiten, sich mit anderen auszutauschen.“ Für eine gewisse Beständigkeit wiederum sorgen diejenigen, die länger im Haus bleiben.

Visser produziert das Magazin „Berlin & I“, ein Kulturmagazin auf deutsch und englisch. Einige seiner Mitstreiter hat der 40-Jährige im Betahaus gefunden: Über eine Rundmail an weitere Nutzer des Hauses lernte er einen Übersetzer kennen, in der Teeküche traf er Webdesigner- und Programmierer. Um in der Produktionsphase genug Platz zu haben, hat der Journalist nun einen Tisch für sechs Leute gemietet. Ein großer Vorteil am Haus, sagt Visser, sei auch, dass er etwa mit einem Webdesigner mal über die Gestaltung einer Seite sprechen kann – ohne dass ihm gleich eine Rechnung für ein Vorgespräch gestellt wird.

Eine der Gründerinnen des Beta-Hauses ist Madeleine von Mohl. Gemeinsam mit fünf anderen jungen Kreativen, die nach dem Studium als Freiberufler arbeiteten, war sie vor fast zwei Jahren auf der Suche nach einem geeigneten Arbeitsplatz für sich. Aus der eigenen Suche entwickelte sich die Idee, gleich einige Plätze mehr zu schaffen.

Auf 1000 Quadratmetern ist in dem alten Fabrikgebäude am Moritzplatz nun ein Arbeitsumfeld für Selbständige entstanden: Neben Kollegen gibt es Kopierer, Drucker, Ein- und Ausgangsfächer für die Post, Internet, Konferenzräume, Telefonzimmer und ein Café im Erdgeschoss mit warmem Mittagstisch. Einmal wöchentlich können bei einem Frühstück Projekte und Ideen präsentiert werden, um von anderen Feedback zu bekommen.

Seit Februar gibt es Büroräume für mehrere Mitarbeiter, auch Werkstätten für Modellbauer, Fräser oder 3-D-Drucker sind vorhanden. Das Berliner Betahaus nutzen rund 200 Mieter, die Ableger in Köln und Hamburg, die schnell entstanden, jeweils etwa 50. Büros in Barcelona, Lissabon und Sofia sind geplant.

Längst gilt Berlin als Hauptstadt der Kreativen. Nach Angaben der Senatsverwaltung für Wirtschaft machten 2009 fast 30 000 zumeist kleine und mittelständische Unternehmen in den Bereichen Informations- und Kommunikationstechnik, Medien und Kreativwirtschaft einen Umsatz von mehr als 22 Milliarden Euro – das entspricht einem Anteil von 16 Prozent am Gesamtumsatz der Berliner Wirtschaft. Von insgesamt rund 200 000 Erwerbstätigen in diesen Bereichen ist knapp die Hälfte selbständig oder geringfügig beschäftigt – Tendenz steigend.

Viele von ihnen hangeln sich allerdings von Projekt zu Projekt, sagt Werner Eichhorst vom Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit, und können mit ihren Einnahmen gerade ihren Lebensunterhalt bestreiten. Anderen gelingt es, sich in Teams zusammenzuschließen, um größere Aufträge annehmen zu können. Dies kann in Co-Working-Spaces einfacher sein. Bundesweit gibt es bereits rund 50 der neuen Büro-WGs, allein 20 davon sind in Berlin. Sie haben jeweils zwischen 20 und 300 Arbeitsplätze.

Zu den ersten Co-Working-Spaces der Stadt zählt das Gemeinschaftsbüro Tante Renate in Kreuzberg. Angefangen haben sie mit zehn, heute bietet das Loft 18 Plätze, die beispielsweise von Grafikern, Screendesignern oder Werbefilmern genutzt werden. Für neue Mieter gibt es hier eine Probezeit von drei Monaten. „Für ein gutes Arbeitsklima achten wir bewusst darauf, dass die Leute zusammen passen“, sagt Gründer Timo Hölzer. Die Atmosphäre sei familiär und die Fluktuation gering. Die fachlichen Qualifikationen der Mieter ergänzen sich, so dass Teams in unterschiedlicher Zusammensetzung regelmäßig größere Aufträge bearbeiten und neue akquirieren.

Erst im Januar eröffnete das Creative-Media-Lab in der vierzehnten Etage eines Hochhauses am Alexanderplatz mit rund 40 Plätzen. Eine Erweiterung ist bereits geplant. „Die Nachfrage ist groß“, sagt Antonia von Gugel von der Kommunikationsberatung BBE-Group, die das Gemeinschaftsbüro betreibt. Die Mieter sind im Schnitt über 35 Jahre alt und etwa in der IT-Branche, als Headhunter, Modedesigner oder Wissenschaftler tätig.

Während Alexander Visser im Betahaus sein aktuelles Magazin produziert, bauen am Nachbartisch zwei Brüder die Internetpräsenz und den Vertrieb für die Firma Beyer & Söhne auf. Nach der Rezeptur ihres Vaters, eines Apothekers, vertreiben sie hochwertige Hautcreme. Seit einem halben Jahr nutzen die beiden einen flexiblen Arbeitsplatz im Betahaus. „Wir wollten nicht in einem Büro im eigenen Saft schmoren“, sagt der 30-jährige Nico Beyer. Der Austausch mit anderen Gründern helfe ihnen weiter. Nachteile gebe es nur wenige: „Manchmal ist es etwas zu laut“, sagt Roppy Beyer. Ansonsten bietet das Betahaus alles, was sie brauchen, sagen die Brüder: sogar Platz für einen Kühlschrank, um ihre Creme zu lagern.

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