Wirtschaft : Gen-Experten forschen auf der Havel-Insel

CASPAR BUSSE (HB)

POTSDAM .Die roten Backsteinbauten auf der Havel-Insel Hermannswerder bei Potsdam dienten zur Jahrhundertwende als Waisenhäuser.Im Zweiten Weltkrieg pflegte die Wehrmacht Verwundete gesund.Dann kamen die Russen und quartierten eine Lungenklinik ein.Heute wird hier fürdie Zukunft geforscht.

Die Landesregierung und die Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB) haben vier der denkmalgeschützten Gebäude aufwendig restauriert und das ganze "Biotech Campus Potsdam" getauft.Ziel: Die brandenburgische Landeshauptstadt soll ein Zentrum für die Zukunftsbranche Biotechnologie werden.Inzwischen haben sich auf der Insel drei hoffnungsträchtige Forschungsunternehmen angesiedelt: Neben der Analyticon AG und dem Gaifar German-American Institute for Aids-Research residiert die Planttec Biotechnologie GmbH.

"Wir wollen die gesamte Schiene von der wissenschaftlichen Idee über die Entwicklung bis zum fertigen Produkt, das der Landwirt kaufen kann, anbieten", beschreibt Jörg Riesmeier, Geschäftsführer, Gesellschafter und Gründer, die Strategie von Planttec.Doch dafür ist ein langer finanzieller Atem notwendig."Das größte Problem für junge Biotech-Firmen ist oft, daß sie ihre Technologie sehr früh herausgeben müssen", sagt Riesmeier.Erfahrungsgemäß ist aber eine Technologie, die weit in Richtung Marktreife gediehen ist, am meisten wert.Bestes Beispiel: Die kleine belgische Biotech-Firma PGS Plant Genetic System, die sich eine starke Position bei der gentechnischen Grundlagentechnologie erarbeitet hatte und 1996 für die stolze Summe von 1,1 Mrd.DM vom Planzenschutzkonzern Hoechst Schering Agrevo GmbH aufgekauft wurde.

Planttec ist sich des Dilemmas bewußt und ist deshalb eine strategische Partnerschaft mit Agrevo eingegangen.Das Joint-Venture-Unternehmen von Hoechst (60 Prozent) und Schering (40 Prozent) darf bestimmte Forschungsergebnisse der Planttec-Forscher exklusiv nutzen.Dafür sichert Agrevo, das sich auch mit 20 Prozent an Planttec beteiligt hat, in der Aufbauphase die finanzielle Zukunft ab.Auch mit Hoechst, BASF und Südzucker sind die Potsdamer Kooperationen eingegangen."Dadurch haben wir eine relative Sicherheit für die nächsten vier Jahre", meint Riesmeier.Diese Zeit müssen die Forscher zur Entwicklung von Innovationen und deren Umsetzung in marktfähige Produkte nutzen.

Forschungsschwerpunkt ist die "Pflanze als Bioreaktor", wie Riesmeier es formuliert, also die Entwicklung transgener (gentechnisch veränderter) Pflanzen.Die meisten der Forschungsprojekte unterliegen natürlich strenger Geheimhaltung.Am weitesten gediehen ist die Entwicklung einer gentechnisch modifizierten Stärke für die Industrie.Verbesserte Eigenschaften der Stärke könnten die Wirtschaftlichkeit industrieller Prozesse, etwa bei der Papierherstellung, erhöhen, sagt Riesmeier.Daneben arbeiten die Planttec-Forscher auch an der Züchtung und Veränderung von Pflanzen wie Kartoffeln, Mais oder Weizen.Daß sich transgene Pflanzen auch in Deutschland und in Europa durchsetzen werden, davon ist Riesmeier überzeugt.Er verweist dabei auf Nordamerika.Schätzungen zufolge wurden 1997 in den USA und in Kanada rund 12 Mill.Hektar mit transgenen Pflanzen angebaut, eine Fläche, die größer ist als die gesamte Ackerfläche in Deutschland.

Planttec wurde im August 1996 in Berlin als Reaktion auf die Schließung des Berliner Instituts für Genbiologische Forschung (IGF) gegründet.Heute werden rund 30 Mitarbeiter beschäftigt, von denen die meisten aus dem ehemaligen IGF oder dem Max-Planck-Instituts für molekulare Pflanzen-Physiologie kommen.In zwei Jahren soll die Beschäftigtenzahl auf bis zu 50 aufgestockt werden.Besonders auf das Potential der Forscher kommt es an, denn Planttec setzt auf einen "Vorsprung durch Wissen", sagt Riesmeier.

Deshalb partizipieren die meisten Mitarbeiter über eine Beteiligungsgesellschaft am Erfolg des Unternehmens.75,1 Prozent der Planttec-Anteile halten die Mitarbeiter und die Unternehmensgründer, 20 Prozent liegen bei Agrevo, 4,9 Prozent bei der Max-Planck-Gesellschaft - das ist übrigens das einzige direkte Engagment der MPG bei einem Unternehmen.Der Umsatz dürfte für 1998 bei rund 5 Mill.DM liegen.Das Unternehmen trägt sich derzeit nach Angaben von Riesmeier selbst.Ein Börsengang ist zunächst nicht geplant.Die Beteiligung einer Risikokapitalgesellschaft wird dagegen nicht ausgeschlossen.

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