Wirtschaft : Gen-Technik: Regierung und Industrie planen Gen-Bündnis

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Auf die Idee mit dem Gen-Bündnis war Kanzer Gerhard Schröder bei einem Besuch der KWS Saat AG im Juni gekommen: Hier, in Einbeck, lud er die Wirtschaft zu Gesprächen über den umstrittenen Einsatz von Gentechnologie in der Landwirtschaft ein, um damit einen jahrelangen Streit beizulegen. Zum Auftakt der Gespräche haben sich am Donnerstagabend die Staatssekretäre aus dem Gesundheits-, Wirtschafts-, Forschungs-, Umwelt- und Landwirtschaftsressort und der Gentechnik-Industrie nun erstmals zusammengesetzt, um unter Leitung von Kanzleramtsminister Frank-Walter Steinmeier über ein Gen-Moratorium zu verhandeln.

In diesem Pakt soll sich die Industrie freiwillig verpflichten, drei Jahre lang auf die kommerzielle Nutzung gentechnisch veränderter Pflanzen zu verzichten und Genehmigungen nur im Rahmen eines gemeinsamen Forschungsprogramms von Bund und Industrie zu nutzen. Darin sollen die Chancen und Risiken der so genannten grünen Gentechnik ausgelotet werden. "Wir hoffen, bis Weihnachten eine gemeinsame Vereinbarung zu erreichen", sagte eine Sprecherin der Bundesregierung. Auch Vertreter der Industrie zeigten sich im Vorfeld zuversichtlich. "Die Industrie hat prinzipiell zugestimmt", hieß es bei Aventis Crop Science. Neben Aventis sind auch die KWS Saat AG, Novartis, Monsanto, die Industrievereinigung Biotechnologie und die Pflanzenzüchter vertreten.

"Die Erwartungen sind hochgesteckt", sagte der Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Pflanzenzüchter, Ferdinand Schmitz, vor dem Gespräch. Anders als in den USA spielt die grüne Gentechnik in Deutschland noch keine nennenswerte Rolle. Die Industrie leidet vor allem an der fehlenden öffentlichen Akzeptanz der grünen Gentechnik und aufwendigen Genehmigungsverfahren. "Die Planungsunsicherheit ist groß", sagte Schmitz.

In der Europäischen Union sind zurzeit 18 Gen-Produkte zugelassen, darunter Soja, Mais und Rapssorten. 14 Genehmigungsverfahren, unter anderem für Kartoffeln, Tomaten und Baumwolle, liegen derzeit auf Eis, weil die alte EU-Gentechnik-Richtlinie aus dem Jahre 1990 gerade überarbeitet wird. Solange die Revision aussteht, wird das in Deutschland für die Genehmigungen zuständige Robert-Koch-Institut auf Anweisung des Bundesgesundheitsministeriums keine Genehmigungen erteilen. Das Bundessortenamt in Hannover prüft derzeit die Zulassung für fünf gentechnisch veränderte Maissorten. Bislang ist unklar, wann die Entscheidung darüber fallen wird.

"Wir haben die rationalen Argumente auf unserer Seite, die emotionalen nicht", sagte Gert Hahne, Sprecher der KWS Saat AG. Den Vorteilen der Gentechnik beim Pflanzenbau - Ertragssteigerung, eine höhere Resistenz gegen Krankheiten und weniger Pflanzenschutzmittel - steht eine seit Jahren große Ablehnung in der öffentlichen Meinung gegenüber. Nach einer Umfrage vom Sommer lehnen 60 Prozent der EU-Bürger den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft ab. Auch aus diesem Grund kommt der Industrie die Vermarktungspause, die ihnen das Gen-Bündnis verschaffen wird, entgegen.

In der Zeit des Waffenstillstands können die Produkte verbessert und auf sehr viel größeren Flächen, als das bislang möglich ist, angebaut und getestet werden: Von heute 500 Hektar auf später bis zu 3000 Hektar. "Wir können dann unter Praxisbedingungen die Folgen abschätzen", heißt es bei Aventis Crop Science. Die Hoffnung ist, dass sich die öffentliche Meinung innerhalb dieser Zeit ins Positive wendet und die Produkte in absehbarer Zeit auch auf den Markt gebracht werden können. Nur dann lohnen sich die hohen Investitionen, die die Gen-Industrie in die Forschung steckt. Und nur dann, so die Hoffnung, kann es gelingen, den Anschluss an die Weltspitze zu halten. Dass die drei Jahre ausreichen, um die Öffentlichkeit umzustimmen, wurde von den Grünen im Vorfeld bezweifelt.

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