Wirtschaft : Genforschung: Neue Leber gesucht?

Maren Peters

Es ist nicht einfach, die Leberzüchter zu finden. Der Weg führt vorbei an einem Motorradreifenhändler, einem strengen Pförtner, einer Tischlerei und dann quer durch eine weiträumige Halle mit kleinen Privatflugzeugen und einem Rettungshubschrauber. Das geöffnete Tor am hinteren Teil der Halle gibt den Blick auf das Startfeld des Flughafens Tempelhof frei. Doch vom Trubel der startenden und landenden Flugzeuge ist hier drin nichts zu spüren. Noch liegt Ruhe über Hangar sechs.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Das könnte sich bald ändern. In einem der hintersten Winkel des Tempelhofer Flughafens hat Jörg Gerlach vor drei Jahren die Firma "Hybrid Organ" gegründet. Zusammen mit seinem Chef von der Berliner Charité, dem Leberforscher Professor Peter Neuhaus, hat der 39-jährige Chirurg eine 600-Quadratmeter-Halle ausgebaut, hat Büros, Laborräume und einen sterilen Reinraum eingerichtet, einen Geschäftsführer und fünf Assistenten eingestellt. Am Flughafen will der Chirurg verwirklichen, was vielen noch wie Science Fiction vorkommt: Er will leberkranken Menschen eigene Stammzellen entnehmen und ihnen daraus eine neue Leber züchten. Und damit - per Flugzeug ab Tempelhof - den totkranken Patienten aus ganz Europa oder sogar der ganzen Welt ein Ersatzteil liefern. Allein in den USA sterben jährlich 30 000 Menschen an Leberversagen.

"Das ist eine extrem interessante Therapie", sagt Gerlach. Und ein interessanter Markt dazu. Für eine Lebertransplantation, rechnet Gerlach vor, zahlen die Kassen pro Patient rund 220 000 Mark - vorausgesetzt, es findet sich überhaupt ein passendes Organ. Danach sind die Patienten lebenslang von Medikamenten abhängig, die verhindern sollen, dass der Körper das fremde Organ abstößt. "In 15 Jahren kostet das die Kassen insgesamt eine Million Mark." Eine Zelltransplation wäre mit Gesamtkosten zwischen 80 000 und 150 000 Mark kostengünstiger, sagt der Privatdozent, der seine Arbeitszeit zwischen Charité und "Hybrid Organ" aufteilt. Ganz abgesehen davon wären keine Abstoßungsreaktionen zu befürchten, da die Lebern aus Patientenzellen nach Bedarf gebaut werden.

In ein paar Jahren kann man einen kranken Menschen vielleicht genauso reparieren wie ein defektes Auto. Doch so vielversprechend das klingt - Gerlach ist es bislang nicht gelungen, einen Investor zu finden. Das Startkapital in Höhe von insgesamt zwei Millionen Mark aus Krediten der Technologie-Beteiligungs-Gesellschaft (TBG) und des Berliner Innovationsfonds sind bis zum Jahresende aufgebraucht. Um die nächsten Jahre zu überstehen, braucht der Jungunternehmer acht bis zehn Millionen Mark. Doch die Geldgeber sind skeptisch.

Tatsächlich könne man jetzt noch gar nicht abschätzen, ob das Konzept der aus Stammzellen hergestellten Ersatzorgane funktioniert, sagt ein Risikokapital-Geber. Er spricht von einem "Hype": Da werde momentan sehr viel Hoffnung auf kurzfristige Erfolge geschürt, sagt er. Aber bis man Zellen so weiterentwickeln könne, dass Organe herauskommen, sei es noch ein sehr weiter Weg. Der Kapitalgeber will abwarten, bis die Forschung ein bisschen weiter ist.

Gerlach ist der Meinung, dass er bei Investoren bessere Chancen hätte, wenn er mit den umstrittenen embryonalen Stammzellen forschen würde. Die Forschung mit den Stammzellen Erwachsener sei dagegen noch zu neu. "Es gibt noch kaum Forschung und keine Gutachter", sagt der Mediziner. Wissenschaftlich dagegen sieht sich Gerlach auf der sicheren Seite: Erwachsene Stammzellen, sagt er, seien zwar schwieriger zu gewinnen. Dafür sei es aber einfacher, sie dazu zu bringen, eine Leber zu werden.

Nachdem ihm deutsche Risikofinanzierer die Tür gewiesen haben, will Gerlach es jetzt in Amerika versuchen. Hier wird die Stammzellenforschung schon länger kommerziell betrieben. Firmen wie Incara Pharmaceuticals, Renaissance Cell Technologies oder Geron wollen wie der Berliner Ersatz-Lebern züchten. Oder mit Hilfe von Stammzellen, die in das kranke Organ injiziert werden, defekte Lebern, Herzmuskel oder Bauchspeicheldrüsen reparieren - und damit Transplantationen überflüssig machen.

"Es gibt etliche Unternehmen in der Welt, die mit Stammzellen arbeiten oder in naher Zukunft arbeiten werden", sagt ein Branchenexperte. "Der Markt wird explodieren." Jungunternehmer Gerlach hat seine Zuversicht trotzdem noch nicht aufgegeben. "Wir kriegen das schon irgendwie hin."

In der Zwischenzeit bastelt der Mediziner weiter an seinem "Bio-Reaktor", einer mechanischen Ersatz-Leber, mit der Patienten die Wartezeit auf ein Spenderorgan überbrücken können. "14 Menschen haben wir damit schon gerettet", sagt Gerlach. Mit der Ruhe in Hangar sechs könnte es schon bald vorbei sein.

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