Genprodukte : Monsanto und der Wundermais

Die US-Firma Monsanto kontrolliert 90 Prozent des weltweiten Genpflanzenanbaus. Ihre Methoden sind umstritten.

Nana Brink
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Der Mais des Anstoßes. Ein Kolben des umstrittenen Saatgutherstellers in Deutschland. Hier hat es Monsanto sehr schwer, in den USA...

Washington Als Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) am vergangenen Dienstag den Anbau der gentechnisch veränderten Maissorte MON 810 verbot, waren die Juristen und Experten der Firma Monsanto längst gerüstet. Kühl erklärte das Unternehmen in einer Pressemitteilung: Die Entscheidung der Ministerin sei nicht geeignet, „die Sicherheit unseres Produktes in Zweifel zu ziehen“. Die Studien, die nach Angaben der Ministerin ein Anbauverbot rechtfertigten, konterte Monsanto mit eigenen Untersuchungen, die den Wundermais als unbedenklich priesen. Man erwäge, so das Unternehmen, rechtliche Schritte gegen die Bundesregierung. Wer auf die weltweiten Aktivitäten des Wundermais-Herstellers blickt, weiß: Monsanto hat schon ganz andere Schlachten geschlagen.

Hinter dem klingenden Name Monsanto verbirgt sich eine der größten Biotechnologiefirmen der USA. Der Monsanto-Mais MON 810 ist die einzige genmanipulierte Pflanze, die seit 1998 in der Europäischen Union angebaut werden darf; sie produziert ein Gift gegen den Schädling Maiszündler. Während der Hersteller angibt, durch den resistenten Mais werde weniger Pflanzenschutzmittel verwendet, befürchten Umweltschützer, dass sich das Gift im Boden anreichere. In Deutschland wurde MON 810 bislang auf rund 4000 Hektar gepflanzt.

Der Konzern mit Sitz in St. Louis (Umsatz 2008: 11,3 Milliarden Dollar) vertreibt 90 Prozent aller weltweit angebauten Genpflanzen. Die Geschichte des Unternehmens, die 1901 mit der Produktion des Süßstoffs Saccharin begann, ist so spektakulär wie umstritten. Der Chemiekonzern, der heute mehr als 20 000 Mitarbeiter weltweit beschäftigt, machte erstmals mit der Produktion des im Vietnamkrieg eingesetzten Pestizids „Agent Orange“ Schlagzeilen. Bis heute kämpfen US-Soldaten, die damals mit dem Entlaubungsmittel in Berührung gekommen sind, um Entschädigung. Monsanto hat Erfahrung mit jahrzehntelangen juristischen Auseinandersetzungen: Über 40 Jahre lang wurden Abfallprodukte der Produktion von PCB, eines Weichmachers für Kunststoffe, nahe dem Städtchen Anniston in Alabama in die Umwelt geleitet. Erst nach 25 Jahren zahlte Monsanto über 700 Millionen Dollar an die Einwohner von Anniston – eine der höchsten Schadenersatzsummen.

Seit Beginn der 80er Jahre entwickelte sich das Unternehmen zu einem der weltweit größten Saatguthersteller. Der Konzern wollte seine schmutzige Chemievergangenheit loswerden und formierte sich 2002 zu einem „Agrarunternehmen“, das sich nach Aussage auf der Homepage dazu verpflichtet, „die Welt besser zu machen für die nächsten Generationen“.

In den USA entwickelte sich Monsanto innerhalb zweier Jahrzehnte zu einem mächtigen Agrarkonzern, der in vielen Bereichen den Saatgut-Markt beherrscht: Über 90 Prozent aller Sojabohnen stammen von Monsanto. Mittlerweile bauen immer mehr große Agrarunternehmen und Farmer gentechnisch veränderte Produkte von Monsanto an. Vor allem durch Verwendung von schädlingsresistenten Genpflanzen wie dem Wundermais und Herbiziden aus der gleichen Produktionslinie versprechen sich viele Bauern niedrigere Anbaukosten. Seine marktbeherrschende Stellung festigt Monsanto mit seinen besonderen Saatgut-Verträgen. So dürfen die Bauern nicht – wie seit Jahrtausenden üblich – die eigene Ernte als Saatgut verwenden. Und sie müssen ihre Chemikalien ebenfalls bei Monsanto erwerben.

Immer öfter allerdings geraten die von lokalen Farmern als „aggressiv“ beschriebenen Vermarktungsmethoden von Monsanto in die Kritik. In einem aufsehenerregenden Artikel der Zeitschrift „Vanity Fair“ aus dem Jahr 2008 beschreiben Landwirte ihre Erfahrungen mit der Monsanto-„Saat-Polizei“. Laut Vertrag dürfen die Saat-Detektive jederzeit ungefragt das Land des Vertragspartners betreten und die Saat kontrollieren. Es gibt eine „Hotline“, die die Landwirte aufforderte, ihre Kollegen anzuschwärzen, wenn sie illegal Saatgut wiederverwenden.

Nach eigenen Angaben strengt das Unternehmen jedes Jahr rund 500 Untersuchungen wegen „Saatgutpiraterie“ an. Eine mit mehreren Millionen Dollar ausgestattete firmeninterne Abteilung kümmert sich nur um angebliche Patentverletzungen von Landwirten.

Der Konzern ist auch bekannt für seine exzellenten Verbindungen zu US-Behörden wie der „Federal Drug Administration“ (FDA), die Arznei-, aber auch Lebensmittel und gentechnisch veränderte Produkte kontrolliert. Hochrangige Mitarbeiter der FDA wechselten in den letzten Jahren zu Monsanto und umgekehrt. Die Kontakte zu einflussreichen Anwalts- und Lobbyfirmen in Washington gelten ebenfalls als legendär.

Schon seit längerem versucht Monsanto die Vermarktung seiner Produkte mit dem Kampf gegen den weltweiten Hunger zu verknüpfen und die Kritiker als „technik- und fortschrittsfeindlich“ darzustellen. In einer grundsätzlich fortschrittsgläubigen Gesellschaft wie der amerikanischen jedoch gibt es keine umfassende Diskussion über gentechnisch veränderte Lebensmittel.

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