Wirtschaft : Gentechnik: Anti-Matsch-Tomaten bleiben im Regal

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Auf Anti-Matsch-Tomaten und Sojaöl aus genveränderten Pflanzen haben die meisten Deutschen keinen Appetit. Drei von vier Bundesbürgern lehnen Produkte aus dem Genlabor strikt ab, wie eine Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GFK) aus dem Jahre 1998 ergab. Aber die Deutschen differenzieren: Während gentechnische Methoden in der Medizin, der so genannten "roten" Gentechnik, von bis zu drei Vierteln der Bevölkerung befürwortet werden, wird die "grüne" Gentechnik, also der Einsatz gentechnisch veränderter Organismen in der Landwirtschaft, noch immer argwöhnisch beäugt - vor allem dann, wenn es um die Lebensmittelproduktion geht.

"Die Verbraucher wollen immer einen Nutzen sehen", begründet Ricardo Gent vom Industrieverband Agrar (IVA) in Frankfurt (Main). Während der in der Pharmazie und Medizin für den Einzelnen auf der Hand liege, sei der Nutzen bei der grünen Gentechnik bisher nur für den Landwirt ersichtlich: Der kann mit Hilfe der Gentechnik seine Erträge steigern und Nutzpflanzen widerstandsfähiger gegen Schädlinge oder extreme Klimafaktoren machen. Tabakpflanzen etwa, die aufgrund eines zusätzlichen Gens auch noch auf versalztem Boden gut gedeihen. Gentechnisch veränderter BT-Mais, der gegen Insektenfraß, Herbizide und gegen Antibiotika resistent ist. Die Folge ist eine erhebliche Ertragssteigerung.

Doch nicht nur der BT-Mais ist umstritten. Laut Greenpeace ist nachgewiesen, dass der Mais sein Gift in den Boden entlässt und andere Organismen, wie Schmetterlingsraupen, gefährdet. Außerdem befürchten die Umweltschützer, dass Antibiotika-Resistenzgene in gentechnisch veränderten Pflanzen auch beim Menschen zu einer Antibiotika-Resistenz führen könnten. "Die Verfahren sind noch nicht ausgereift", warnt Stefan Flothmann, Gentechnik-Experte bei Greenpeace. "Man weiß heute noch gar nicht, welche Folgen gentechnisch veränderte Pflanzen in der Natur und beim Menschen anrichten werden." Befürworter der Gentechnik argumentieren dagegen , dass es die postulierten Risiken ohnehin gebe. Die Verbreitung von Resistenzen etwa sei vor allem darauf zurückzuführen, dass Antibiotika unverhältnismäßig häufig verschrieben würden.

In den USA, wo die öffentlichen Vorbehalte sehr viel geringer sind als in Europa, stammt schon heute die Hälfte der Soja- und ein Drittel der Maisproduktion von gentechnisch veränderten Sorten. "Dort gibt es keine Akzeptanzprobleme", sagt Aventis- CropScience-Pressesprecher Gerhard Waitz. In Deutschland dagegen sind gentechnisch veränderte Pflanzen für den kommerziellen Anbau bisher nicht zugelassen. Der Anbau beschränkt sich auf Freilandversuche - insgesamt 436 davon waren im vergangenen Jahr beim zuständigen Robert-Koch-Institut in Berlin registriert. Mit 105 Anträgen auf Freilandversuche liegt Deutschland in Europa zurzeit an siebter Stelle.

Die Industrie ist zuversichtlich, dass der Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft neben dem in der Medizin in den nächsten Jahren zu einem der wichtigsten Anwendungsgebiete werden wird. "Wir hoffen, dass sich das Klima in drei bis vier Jahren auch in Deutschland gebessert hat", sagt Aventis CropScience-Sprecher Waitz. "Unser Ziel ist der freie Verkauf." Um den Verbraucher nicht unnötig zu beunruhigen,hat der Konzern in diesem Jahr freiwillig auf jede Art der Kommerzialisierung in Deutschland verzichtet. "Man sollte nicht unnötig Porzellan zerschlagen, von dem man später essen will", kommentiert Waitz. Denn in nicht allzu ferner Zeit sollen die Produkte auch in Deutschland Abnehmer finden.

Neben Großkonzernen wie Monsanto, Novartis und Aventis setzen inzwischen auch viele kleinere Biotechnologie-Unternehmen in Deutschland auf die grüne Gentechnologie: Von den rund 280 Biotech-Unternehmen, die die Unternehmensberatung Ernst & Young 1999 in Deutschland zählte, arbeiten 60 im Bereich Agro-Biotechnologie.

Tatsächlich deutet sich ein Stimmungswechsel an - und das nicht erst seit der Ankündigung der Bundesregierung, ein umfassendes Forschungs- und Beobachtungsprogramm für gentechnisch veränderten Nutzpflanzen in Angriff zu nehmen. Bereits 1998 entschied die Mehrheit der EU-Länder, vier gentechnisch veränderte Mais- und Rapssorten zuzulassen. Als günstiges Zeichen bewertet die Industrie auch die anstehende Novellierung der EU-Freisetzungsrichtlinie, die seit 1990 den Anbau gentechnisch veränderter Produkte einem strikten und oft jahrelangen Genehmigungsverfahren unterzieht. "Das bisherige Verfahren ist nicht mehr handhabbar", sagt Gerd Romanowski, Geschäftführer der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie, "die Unternehmen brauchen mehr Rechtssicherheit".

Von der Anmeldung bis zur Entscheidung über den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen vergingen bis zu sechs Jahre, klagt Romanowski. Zunächst muss das Unternehmen bei der nationalen Behörde, dem Robert-Koch-Institut, einen Antrag stellen. Die prüft und gibt das Ergebnis an die EU-Kommission weiter. Danach wandert der Antrag zur Prüfung in sämtliche EU-Mitgliedsstaaten, die einen Einspruch geltend machen können. Wenn die gentechnische Zulassung erteilt ist, benötigen die Unternehmen darüberhinaus eine sortenrechtliche Zulassung des Bundessortenamtes.

Der Industrieverband Agrar ist überzeugt, dass eine kommerzielle Nutzung nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. "In drei bis fünf Jahren", sagt IVA-Vertreter Gent, "werden wir mit gentechnisch veränderten Pflanzen auch in Deutschland Geld verdienen."

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