Wirtschaft : Gentechnik: Schering will an Stammzellen forschen

Der Chef-Wissenschaftler des Berliner Pharmakonzerns Schering, Günter Stock, hat sich für Gesetzeslockerungen bei der umstrittenen Forschung an embryonalen Stammzellen ausgesprochen und zugleich die Haltung von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD) unterstützt. "Wir brauchen diese Forschung", sagte Stock am Montag in einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters. Die Projekte des Bonner Wissenschaftlers Oliver Brüstle, der an importierten Embryonenzellen experimentieren will, seien ohnehin unter deutschen Gesetzen möglich. Clement hatte dies im Rahmen einer Forschungskooperation mit Israel unterstützt.

Stock sprach sich dafür aus, dass auch in Deutschland künstlich erzeugte Embryonen genutzt werden dürften, wenn sie ohnehin vernichtet werden sollten. "Ich glaube, wir sollten uns bekennen und in gezielten, gut kontrollierten und transparenten Fällen dieses auch an in diesem Land entstandenen Embryos erlauben."

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Die Forschung an embryonalen Stammzellen ist umstritten, da hier Embryonen vernichtet werden. In den USA und Großbritannien ist die Forschung an Embryonen erlaubt. Genutzt werden überzählige Embryonen, die bei künstlichen Befruchtungen entstehen. Die Bundesregierung setzt stärker auf die Forschung an adulten Stammzellen, die etwa aus der Nabelschnur gewonnen werden können. Mit Stammzellen sollen Ersatzgewebe etwa für Alzheimer- oder Zuckerkranke gezüchtet werden.

Schering-Forschungsvorstand Stock warnte davor, Experimente an embryonalen Stammzellen in Deutschland auszuklammern. "Ich halte das forschungsstrategisch für einen ganz großen Fehler." Es gebe gute Gründe für Experimente an diesen Zellen. "Wir dürfen nicht die anderen gehen lassen, warten bis Ergebnisse da sind und dann wieder gemeinsam gehen." Das funktioniere nicht. "Ich glaube, dass die Stammzellenforschung ein ganz wichtiger Zweig der Forschung ist", sagte Stock. "Wir sollten uns wirklich dreimal überlegen, ob wir Verbote für die Forschung aussprechen wollen."

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hatte sich für die Forschung an embryonalen Stammzellen ausgesprochen und sich damit deutlicher als bisher gegen die Position von Bundespräsident Johannes Rau und Justizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) ausgesprochen. Stock nahm Schröder gegen Kritik in Schutz, er betrachte die wirtschaftlichen Aspekte der Stammzellenforschung zu einseitig. Der Hinweis auf den Forschungsstandort Deutschland sei berechtigt, zumal Schröder seine Aussagen immer unter den Vorbehalt ethischer Grundsatzentscheidungen gestellt habe. "Ich halte das für eine legitime Position", sagte Stock. Er äußerte sich auch zuversichtlich, dass die Zelltherapie in einigen Jahren auch für Schering zu Erfolgen führen werde. Bei Multipler Sklerose oder Parkinson glaube er, "dass wir in dem einen oder anderen Fall therapeutisch verwertbare Ansätze haben, die Erfolg versprechen."

Auf Chancen in der Forschung verwies Stock auch beim therapeutischen Klonen. Der Begriff "Klonen" sei jedoch schwierig. Er glaube zwar nicht, dass diese Form der Forschung in kurzer Zeit große wirtschaftliche Bedeutung erlangen werde. Wenn man aber schon heute auf Heilungschancen bei Krankheiten verweisen könne, würde die Debatte über das therapeutische Klonen auch anders verlaufen. "Wenn das konkreter wäre, würde auch die Güterabwägung eine andere sein."

Beim therapeutischen Klonen wird der Zellkern eines Patienten in eine leere Eizelle gespritzt. Aus dem Embryo lassen sich Stammzellen und neue Organe gewinnen, die genetisch identisch sind mit dem Patienten und nicht abgestoßen werden. Dies ist auch der Vorteil gegenüber Gewebe aus embryonalen Stammzellen. In Deutschland und den USA ist das therapeutische Klonen verboten, in Großbritannien erlaubt.

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