Wirtschaft : Genußscheine verdienen mehr Beachtung

SANDRA SCHUFFELEN (HB)

Rezession in Japan, Südamerikas Märkte von der Asienkrise infiziert, der Rubel auf Talfahrt, Unsicherheit in Osteuropa - die Nerven so mancher Anleger liegen blank.Viele flüchten in heimische Rentenpapiere und nehmen dabei magere Renditen in Kauf: Zehnjährige Staatsanleihen bringen hierzulande nur noch mit gerade einmal vier Prozent.Selbst die 30jährige Bundesanleihe bringt nur noch um die fünf Prozent.

Wer sich mit diesen Sätzen nicht begnügen will, dem bietet sich eine interessante Alternative: Genußscheine.Im Durchschnitt werfen sie etwa einen Prozentpunkt mehr ab als D-Mark-Anleihen gleicher Laufzeit.Sie werden an der Börse notiert, rund 270 sind in Deutschland im Umlauf.

Genußscheine bieten alles, was der Genußmensch begehrt: Rendite und eine Prise Nervenkitzel.Je nach Konstruktion gleichen die Scheine eher einer Aktie oder einer Anleihe.Bis heute gibt es keine gesetzliche Definition des Genußscheines, daher sind unterschiedliche Ausgestaltungen möglich.Bei rentenähnlichen Genußscheinen kassiert der Anleger Jahr für Jahr eine konstante Ausschüttung, und am Ende der Laufzeit erhält er seine Einlage zurück.Bei aktienähnlichen Scheinen dagegen ist die jährliche Ausschüttung in der Regel von der Höhe des Gewinns abhängig.

Die Renditen von Genußscheinen sind auch deshalb attraktiver, weil die Papiere im Verhältnis zu Anleihen ein höheres Risiko bergen.Die Anleger müssen sich gegebenenfalls am Verlust des Emittenten beteiligen.Schreibt der Emittent rote Zahlen, ist - anders als bei Anleihen - die Ausschüttung in Gefahr.Von Vorteil sind deshalb Papiere mit einem Nachzahlungsanspruch.Fallen die Ausschüttungen während eines Verlustjahres aus, muß das Unternehmen den Fehlbetrag bei späteren Gewinnen wieder ausgleichen.

Stehen allerdings über einen längeren Zeitraum Verluste in der Bilanz, muß der Anleger damit rechnen, daß er bei Fälligkeit der Genüsse nur einen mehr oder minder großen Teil seines Einsatzes zurückbekommt.Im Extremfall - wenn der Emittent in Konkurs geht - ist sogar das gesamte Geld verloren.

"Daran wird deutlich, daß die wirtschaftliche Stärke des Emittenten beim Genußscheinkauf ein entscheidendes Auswahlkriterium ist", sagt Michael Brune, Fondsmanager des Bankhauses Sal.Oppenheim, Köln.Unter Sicherheitsaspekten seien daher vor allem Emissionen "erster Adressen des deutschen Kreditgewerbes" zu empfehlen.Diese Strategie ist beim hauseigenen Fonds Oppenheim Genußwerte I - zumindest rückblickend - aufgegangen: Der Fonds (Volumen: 143 Mill.DM) steht mit einem Wertzuwachs von 8,44 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten auf Platz zwei der Rangliste.Im Portfolio des Fonds sind derzeit unter anderem Genußscheine der Bayerischen Vereinsbank, Commerzbank, Dresdner Bank, Westdeutschen Landesbank und Bayerischen Landesbank zu finden.

"Wir kaufen ausschließlich Papiere mit fester Ausschüttung", sagt Brune.Ein Genußscheinfonds biete Anlegern zudem den Vorteil, das Anlagerisiko stärker zu streuen."In diesem Markt ist man vor Überraschungen nie sicher.Und wenn etwas passiert, hat der private Anleger meist keine Möglichkeit mehr, rechtzeitig zu reagieren."

Tatsächlich sind einige Scheine mit einer speziellen Kündigungsklausel ausgestattet.Dieses sogenannte ordentliche Kündigungsrecht berechtigt das Unternehmen, nach Belieben ab einem bestimmten Termin auszusteigen."Gerade in der momentanen Niedrigzinsphase lohnt es sich für Gesellschaften, teure Genußscheine loszuschlagen und billiges Kapital am Markt aufzunehmen", sagt Bernd Ullrich, Abteilungsdirektor Asset Management der Commerzbank.So bereits mehrfach geschehen: Die süddeutsche Bau- und Verkehrstechnikfirma Pfleiderer Unternehmensverwaltung GmbH & Co.KG etwa kündigte ihre Genußscheine mit Wirkung zum 31.Mai 1998.Anleger mußten Kursverluste in Höhe von knapp 6 Mill.DM hinnehmen.

Zuvor hatten auch das Containerunternehmen Eurokai und der Elektrokonzern ABB Genußscheine gekündigt."Die Gefahr der vorzeitigen Kündigung ist nach wie vor groß.Anleger sollten daher Papiere, die dieses Recht beinhalten, meiden", warnt Ullrich.Mit der riskanten Kündigungsklausel seien rund 20 der börsennotierten Genußscheine ausgestattet, darunter vor allem Scheine mit unbefristeter Laufzeit.

Um sich vor Zinsänderungsrisiken zu schützen, sollten Anleger - so rät Ullrich - Papiere mit einer Laufzeit von maximal sieben Jahren kaufen.Denn die Kurse von Genußscheinen mit fester Ausschüttung schwanken mit den Zinsen.Steigen diese, fallen die Kurse."Wir rechnen allerdings derzeit nicht damit, daß die Zinsen in nächster Zeit anziehen", betont Ullrich.Deswegen seien Kursverluste unwahrscheinlich.

"Vorsichtig optimistisch" in bezug auf die Zinsperspektiven ist Markus Hammes-Jenkins, verantwortlich für das Management der Geldmarkt- und Genußscheinfonds der DWS, der Investmentgesellschaft der Deutschen Bank."Inflationsgefahr besteht zur Zeit nicht, so daß von dieser Seite keine Zinserhöhungen drohen.Dennoch muß man sich bewußt sein, daß wir uns auf einem extrem niedrigen Niveau befinden", sagt Hammes-Jenkins.

Seiner Ansicht nach sind gegenwärtig mittlere Laufzeiten zu bevorzugen, was sich in der aktuellen Struktur der DWS-Fonds widerspiegelt: Beim DWS Inter Genuß (Volumen: 95 Mill.DM) beträgt die durchschnittliche Restlaufzeit der Papiere 5,5 Jahre, beim DWS DM Spezial (230 Mill.DM) 7,5 Jahre.Letzterer ist seit mehreren Jahren Spitzenreiter unter den Genußscheinfonds.In den vergangenen zwölf Monaten erzielte er ein Plus von 9,9 Prozent.

Auch unter steuerlichen Gesichtspunkten sind Genußscheine interessant.Gegenüber herkömmlichen Anleihen haben sie den Vorteil, daß die Zinsen bis zur Ausschüttung im Kurs angesammelt werden und den Kurs des Papiers erhöhen."Wer seine Freibeträge ausgeschöpft hat, kann kurz nach dem Ausschüttungstermin zu niedrigem Kurs kaufen und kurz vor der nächsten Ausschüttung wieder verkaufen.So streicht der Investor den Gewinn steuerfrei ein", sagt Commerzbank-Experte Ullrich.Anleger, deren Freibeträge noch nicht ausgeschöpft sind, sollten den Schein dagegen kurz vor der Ausschüttung erwerben.

Bleibt nur ein Problem: die mangelnde Liquidität vieler Genußscheine.Bei zahlreichen Papieren führen selbst kleinere Umsätze zu großen Kursschwankungen.Wirklich marktgängig sind dagegen nur Genüsse der Banken, der Allianz und von Bertelsmann.

Insbesondere bei Genußscheinen mit langer Laufzeit sollten Anleger auf hohe Liquidität achten.Denn nur so haben sie jederzeit die Möglichkeit, bei einem unerwarteten Zinsanstieg die Papiere vorzeitig wieder zu verkaufen.

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