Geox-Gründer Mario Polegato : Die Luftnummer

Mario Polegato hatte eine Idee, die absurd klang. Er ritzte Löcher in seine Schuhsohlen, um trockene Füße zu bekommen. Daraus entstand das italienische Schuh-Imperium Geox. Heute will der ehemalige Winzer ein Vorbild sein – und jedem Menschen eine eigene Klimazone schaffen.

von
Beste Lagen. Mario Polegato wuchs in Treviso als Sohn einer ehrwürdigen Winzerdynastie auf. Einen Teil der Villa Sandi aus dem 17. Jahrhundert nutzt er heute noch privat.
Beste Lagen. Mario Polegato wuchs in Treviso als Sohn einer ehrwürdigen Winzerdynastie auf. Einen Teil der Villa Sandi aus dem 17....Foto: Elke Mayr / picture alliance / APA / picturede

Ob es stimmt, dass die Welt in Gegensätzen zueinander findet? Mario Moretti Polegato wäre dieses Prinzip in einer Person, ein Mann, dessen Lebensthema die Luft ist. Aber er selbst hat nichts Windiges, Unstoffliches an sich. Ein großer, schwerer Mann von 61 Jahren und mit vollem dunklen Haar, der an diesem Spätnachmittag im Berliner Hotel Adlon ein wenig erschöpft ist und dadurch noch erdenschwerer in ein Fauteuil sinkt. In einer anderen Sprache als Italienisch zu reden, strengt ihn an. Und sogar Italienisch fällt ihm gerade schwer. Da sitzt einer, der sich nicht Luft machen kann.

Er möchte grünen Tee. Und er schlürft ihn energisch.

An diesem Tag hat Polegato schon mehr geredet, als er das normalerweise tut. Bei einem Wirtschaftskongress saß er neben Angela Merkel und Romano Prodi auf dem Podium, die Kanzlerin wollte von Polegato wissen, was er von der neuen Regierung in Rom halte – als einer der erfolgreichsten Unternehmer des Landes. Danach sprachen sie über die Krise Italiens, von der auch Polegatos Firma betroffen ist, aber das war in dem Moment nicht so wichtig. Polegato hat eine wunderbare Geschichte zu erzählen. Sie handelt vom Unternehmertraum schlechthin. Davon, eine Idee zu haben und sie umzusetzen. „Kennen Sie die Geschichte?“, fragt Mario Polegato.

Er könnte sie als bekannt voraussetzen, aber er zögert. Dann erzählt er sie gleich noch einmal. Wie er, der Italiener, 1992 in die Wüste von Nevada geriet. Wie er mit Turnschuhen in sengender Hitze glaubte, „wie auf Wasser“ zu laufen, wie er ein Messer nahm und sich Löcher in die Sohlen seiner Sneakers ritzte. Wie es weiter in ihm brütete.

Eigentlich hatte er ja nur die falschen Schuhe angehabt. Turnschuhe in der Wüste. Einem Mann von Welt wäre das vielleicht gar nicht passiert. Aber sein Instinkt sagte ihm, dass dieses Problem noch ein paar mehr Menschen auf der Welt haben müssten und sich eine Lösung deshalb aufdrängen könnte. Heute verkauft Polegato 22 Millionen Schuhe im Jahr, seine Firma Geox ist zum zweitgrößten Schuhhersteller Europas geworden und hat ihren „Presidente“ mit einem vom „Forbes“-Magazin geschätzten Vermögen von 1,8 Milliarden Euro zu einem schwerreichen Mann gemacht. Der leidige Turnschuh steht in einer Vitrine der neuen Geox-Zentrale in Montebelluna. Und man muss genau hinsehen: Es sind kleine Löcher gewesen.

„Meine Geschichte ist einzigartig“, sagt Polegato mit dröhnender Stimme und schiebt seinen massigen Körper im Adlon an die Sesselkante. „Weil ich nur einen Einfall hatte und in ihn investiert habe. Es kostete mich wenige Jahre, um ihn in den globalen Markt einzuspeisen. Und das in einer Situation, in der es der Weltwirtschaft nicht gut ging.“

Der Erfinder der „Sohle, die atmet“, wie er sie selbst bewirbt, sonnt sich nicht in diesem Erfolg, indem er zu verstehen gibt, dass er ihn auch verdient habe. Seine Idee war absurd. Löcher ausgerechnet in dem Teil des Schuhs, der ihn trocken hält.

Darauf konnte nur ein Nicht-Gentleman kommen, jemand, dem es egal ist, zum Kulturfeind erklärt zu werden, weil er der hohen Kunst des Schuhmacherhandwerks den letzten Todesstoß versetzt. Seine Sneakers und die Welt der industriellen Gummisohle waren im wichtiger. Seither wird der Name von Mario Moretti Polegato vor allem mit Schweißfüßen in Verbindung gebracht.

Ist das fair?

Polegato wuchs zwischen schönen, edlen Dingen auf, der Familiensitz ist ein prächtiges Anwesen bei Treviso. Noch heute nutzt er einen Teil der Villa Sandi, erbaut 1622, privat. Und jetzt zeigt er auf Postkarten, die er aus einer Mappe zieht, dass von der Decke kristallene Lüster und schwere Gardinen hängen, die Perserteppiche und Möbel sind alt. Die Familie Moretti-Polegato ist Italiens bedeutendster Prosecco-Exporteur. Sieben Winzereien betreibt sie, auch der Vatikan wird beliefert. Über zwei Kilometer erstrecken sich unterirdische Weinkeller. Und was ist Prosecco anderes, als ein Wein mit eigenem Belüftungssystem?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben