Wirtschaft : Geplatzte Träume

„Danke für Ihre Bewerbung. Wir haben uns leider schon anders entschieden.“ Wie Cindy, 16, doch noch eine Lehrstelle fand

Johannes Pennekamp

Die Wände leuchten in kräftigem Gelb und Rot, durch die plexigläserne Decke strahlt die Sonne auf große orangene Sonnenschirme. Im Schatten unter den Schirmen sitzen Jugendliche an PC’s und surfen durchs Internet – genauer gesagt, sie durchsuchen es nach Stellenanzeigen. Denn so leuchtend das Ambiente hier im Jugendberatungshaus Neukölln, so düster blicken die Jugendlichen in die Zukunft.

Eine von ihnen ist Cindy. Sie ist 16 und sucht seit einem dreiviertel Jahr nach einem Ausbildungsplatz. Wie eine richtige Bewerbung aussieht, hätte sie eigentlich in der Schule lernen sollen. Doch die zuständige Lehrerin war das ganze letzte Schuljahr krank. Da stand sie ziemlich allein da mit ihrem erweiterten Hauptschulabschluss und dem Wunsch, Hotelfachfrau zu werden.

Wie eine ordentliche Bewerbung aussieht, weiß Cindy heute – nach mehr als 100 Bewerbungsschreiben – trotzdem. Noch besser kennt sie allerdings den Text aus den Antwortschreiben: „Danke für Ihre Bewerbung. Wir haben uns leider schon anders entschieden.“ Zwei Mal wurde sie zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen, mehr passierte nicht. Ernüchterung.

Vor ein paar Jahren hatte sie noch ganz andere Träume, sie wollte Meteorologin werden. „Ich habe jahrelang jeden Tag aus dem Videotext die Temperaturen von verschiedenen Städten abgeschrieben und beobachtet, wie sich das Wetter verändert“, erzählt Cindy etwas wehmütig. Um Meteorologin werden zu können, hätte sie weiter zur Schule gehen müssen. Das wollte sie auf keinen Fall, ihr letztes Schuljahr sei der reinste Horror gewesen: „Ich wurde nur gemobbt – ohne irgendeinen Grund. Dadurch sind meine Noten schlechter geworden.“ Mit der Note Drei im Abschluss gehörte sie dennoch zu den Besseren in ihrer Klasse: „Von 28 haben nur zwei einen Ausbildungsplatz in einem Unternehmen bekommen“, sagt die 16-Jährige.

Cindy hat sich vor allem in Bayern beworben, weil sie sich in Berlin kaum Chancen ausrechnete. Auch ihre Mutter zieht es nach Süddeutschland. Die arbeitslose Schlosserin hat es aufgegeben, in der Hauptstadt nach einem Job zu suchen. Ihren Vater kennt Cindy nicht, ihre Schwester ist ebenfalls arbeitslos.

Im Jugendberatungshaus Neukölln bekam Cindy dann den Tipp, sich nicht nur um betriebliche, sondern auch um schulische Ausbildungsplätze zu bemühen. Die sind zwar nicht so vielversprechend, weil die feste Anbindung an einen Betrieb fehlt, dafür aber leichter zu bekommen. Für Cindy die Rettung: „Ich habe mich beworben, musste mich bei der Schulleitung vorstellen und dann hatte ich den Platz.“ In ein paar Tagen fängt sie in Berlin-Weißensee eine zweijährige Ausbildung zur Restaurant- und Hotelfachfrau an. Cindy ist ein bisschen stolz darauf, die Einzige in ihrer Familie mit einer Beschäftigung zu sein. Einen neuen Traum für die Zukunft hat sie auch: „Irgendwann mit einer Freundin ein Hotel eröffnen.“ Johannes Pennekamp

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