Wirtschaft : Gerangel um einen Platz im Rettungsboot

ANDREW HIGGINS

Die größte russische Privatbank SBS-Agro blieb lange Zeit geschlossen - auch als viele Anleger lautstark ihr Geld forderten.Doch vor wenigen Tagen gingen auf einmal die kugelsicheren Sicherheitstüren auf.Eingelassen wurde Boris Beresowskij, ein Mathematiker, der zum Millionär wurde.

Während Beresowskij mit dem Präsidenten der SBS-Agro, Alexander Smolenskij, sprach, wollen Beobachter Gelächter in der Vorstandsetage gehört haben.Doch hinter der Fassade tobt ein erbitterter Überlebenskampf: Die sogenannten Oligarchen Rußlands, die einst als allmächtig galten, sind bankrott - oder zumindest die Banken, ihr wichtigstes Geschäft.Die Tykoons, die 1996 die Wahlkampagne von Präsident Boris Jelzin finanziert haben, kämpfen um ihren Einfluß und ihre Anlagen.

Dabei ist längst nicht ausgemacht, ob sie vor dem sicheren Aus stehen."Die ehemaligen Oligarchen, wie wir sie jetzt nennen, haben zwar an Macht verloren," sagt der Reformer Boris Fjodorow, der unlängst seinen Posten als Vize-Premierminister verlor.Nach dem Gespräch bei SBS-Agro kündigte Beresowskij jedoch Widerstand gegen jede staatliche Maßnahme an, insolvente Banken zu übernehmen."Der Staat wird dies versuchen, doch wir werden uns wehren," sagt Beresowskij, dessen Unternehmensbeteiligungen von Fernsehanstalten über Fluglinien bis zum Autohandel reichen.

Smolenskij geht noch stärker in die Offensive gegen die drohende staatliche Einflußnahme.Obwohl er von russischen Anlegern belagert wird und von ausländischen Gerichten angeklagt ist, macht er sich über die Zentralbank lustig, die Anfang September versucht hatte, SBS-Agro vorübergehend dem Staat zu unterstellen.Als ob "ein kleiner Hund einen Elefanten ankläfft", kommentierte Smolenskij diese Versuche.Sein lautstarker Protest hat sich ausgezahlt.

Doch das dürfte auf die Dauer nicht reichen."Heute befinden sich alle Banken am Rande des Bankrottes, wir sollten uns da keinen Illusionen hingeben," sagt Vladimir Gusinskij, ein früherer Theaterdirektor und Gründer der Großbank Most-Bank."Sollte ein russischer Banker erzählen, um seine Bank stehe es gut, darf man ihm auf keinen Fall glauben."

1996 hatte Jelzin seinen Wahlsieg - Rußlands Plutokraten begründeten mit ihrer Unterstützung ihren Einfluß auf den Geld- und Mediensektor.Inzwischen sind beide stark ins Wanken geraten.Während man damals einem gemeinsamen Feind gegenüberstand, dem Kandidaten der Kommunistischen Partei, Gennadij Sjuganow, kämpft man heute um einen Platz im Rettungsboot."Von den sieben oder neun Oligarchen ist nur für fünf Platz," sagt Tom Reed von Kremlin Partners, einer Unternehmensberatung."Die Musik spielt noch, doch sie wird zu irgendeinem Zeitpunkt im nächsten Jahr aufhören."

Probleme plagen nicht nur die Most-Bank, sondern auch Gusinskijs riesiges, finanziell angeschlagener Archipel von Fernsehen, Zeitung und anderen Medien.Er weist auf den "enormen Rückgang" beim Anzeigenaufkommen hin und sagt, daß der Medienmarkt "zusammengebrochen" sei.Sein Fernsehsender NTV hatte begonnen, in der ersten Jahreshälfte Geld einzubringen, doch nun kämpft er ums Überleben.

Mit der Illusion einer allmächtigen wirtschaftlichen Clique sei Schluß, sagt Lilia Schewsowa, Forscherin beim Carnegie Moskau Zentrum.Das finanzielle Debakel, das von dem De-facto-Moratorium der Zahlung russischer Staatsschulden und der Rubelabwertung ausgelöst worden war, hat die Schwäche der Elite sichtbar gemacht - einer Elite, die nie so stark war, wie man meinte."Sie waren nie Oligarchen, nur Günstlinge," sagt Schewsowa."In einer Krise werden sie zu Vogelscheuchen."

In der Vergangenheit war der wahrscheinlich vernünftigste Wert, den die russischen Oligarchen im Portfolio hatten, der Zugang zu den politischen Entscheidungsträgern.Verbindungen zur Politik haben sie noch, doch sie sind vor der neuen Regierung unter Remierminister Jewgenij Primakow auf der Hut.Primakow hatte versprochen, dem "wilden Kapitalismus" ein Ende zu machen.Er hat die führenden Banker und Güterbarone des Landes zusammengerufen und sie wegen ihrer Milliarden Dollar auf ausländischen Konten beschimpft.Zudem hat der Kommunist Jurij Masljukow, der jetzt für die Wirtschaftspolitik zuständig ist, enge Beziehungen zu den Direktoren der russischen Rüstungs- und Schwerindustrie.Diese Gruppe stand der neuen russischen Nomenklatura der Banker lange Zeit feindlich gegenüber.

"Wenn wir den Einfluß hätten, den man uns nachsagt, wäre Masljukow nicht Vize-Premierminister geworden," sagt Gusinskij.Noch kritischer ist die Frage, wer im Jahr 2000 der nächste russische Präsident wird, oder - falls Jelzin seine Amtszeit nicht durchsteht - schon früher.Statt wie 1996 an einem Strang zu ziehen, sind Rußlands Mogule gespalten zwischen dem Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow, Alexander Lebed und dem früheren Premierminister Viktor Tschernomyrdin.

Bei der Hierarchie der Einflußnahme werde es eine Verschiebung zugunsten der Konsumgüterbranche geben, prophezeit der frühere Vize-Premierminister Boris Nemtzow.Zwar hat diese schon immer eine große Rolle gespielt, scheute aber das von Beresowskij und den Bankern betriebene profilierte Lobbying.

Als die russische Regierung am 17.August den Schuldendienst für die auf Rubel lautenden Anleihen einstellte, traf dies das russische Bankensystem hart.Hingegen könnte die Entscheidung, den Rubel freizugeben, einige Tycoons von Bodenschätzen stärken - denn diese werden im Ausland für Dollars verkauft.

Vor einiger Zeit hat der größte russische Erdölproduzent Lukoil zusammen mit elf anderen Erdölunternehmen den Vorschlag kritisiert, Exportzölle auf Rohprodukte zu erheben und die Verbrauchsteuern auf Erdöl an den Rubel-Dollar-Kurs zu binden.Sie ließen ihre politischen Muskeln spielen und drohten, den Finanzminister Michail Sadornow abzusetzen.

DIe Uneximbank, die Menatep und die Most-Bank haben Fusionspläne bekanntgegeben.Viele Analysten sehen in der möglichen Fusion zur Rosbank einen Versuch, aus den Trümmern ihrer Banken zu entkommen, ohne die anderen Anlagen in Mitleidenschaft zu ziehn.Die Analysten sind skeptisch, ob die Bemühungen Erfolg haben."Sie können sich den Zusammenschluß nicht leisten" sagt Garry Kasparow, Schachweltmeister und scharfsinniger Analyst der komplexen Machtspiele in Rußland."Es ist wie beim Kannibalismus: Wenn man nicht genug Nahrung hat, muß man seinen Partner essen."

Noch zeigen die übel zugerichteten Plutokraten Rußlands nach wie vor die äußeren Zeichen des Wohlstandes.Smolenskij prahlt, die größte private Bildersammlung in Rußland zu besitzen.Gusinskij bereist die Welt in seinem privatem Flugzeug, ebenso Beresowskij."Das Vermögen ist verloren, die Frage ist, wie lange sie die Form wahren können," sagt Dirk Damrau, Forschungschef bei MFK Renaissance.

Übersetzt und gekürzt von Sigrun Schubert (Russische Ernte, Copyright) und Karen Wientgen (Oligarchen, EZB)

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