Wirtschaft : Gerburg Treusch-Dieter

(Geb. 1939)||Foucault und der Horrorfilm, Platon und die Stammzellen- forschung.

Moritz Honert

Foucault und der Horrorfilm, Platon und die Stammzellen- forschung. Sie war vier Jahre alt, als ihre Brüder ohne Abendessen ins Bett geschickt wurden. Als niemand hinsah, steckte sie ihnen Brot und Wasser zu. Früh hat sie gelernt, dass man Ungerechtigkeiten nicht hinnehmen muss.

So auch nicht den Krebs. Er gehörte nicht in ihr Leben, er war ihr lästig. Der Körper sollte funktionieren, in den Seminaren, auf Redaktionssitzungen, am Steuer ihres Autos, das sie so gerne fuhr. Erst als die Schmerzen zu groß wurden, gab sie dem Drängen ihres Sohnes nach und ging zum Arzt. Doch da war es schon zu spät. Hingenommen hat sie das nicht: Zwei Tage nach der ersten großen Operation lief sie über den Hof des Krankenhauses, den Tropf in der Hand. Natürlich sollte sie sich schonen, aber das interessierte sie nicht.

Mit Widerwillen reagierte sie auch stets auf den Versuch, sie zu kategorisieren, ihre Ansichten, ihr Leben mit wenigen Worten zu beschreiben. Wie sollte man das auch? Nach der Schule verbrachte sie ein Jahr als Au-pair-Mädchen in England, ließ sich zur Näherin ausbilden und studierte danach Schauspiel in Berlin. Zehn Jahre stand sie auf der Bühne, spielte das Gretchen im Faust, die Marie im Woyzeck, ließ sich von einem Regisseur sagen, dass sie „viel zu klug fürs Theater“ sei – und entschied mit dreißig Jahren, noch mal von vorne anzufangen. Der ganz große Erfolg war ihr im Theater nie beschieden gewesen.

In drei Monaten holte sie das Abitur nach und schrieb sich an der Universität Hannover für Soziologie, Psychologie und Literaturwissenschaft ein, promovierte und wurde Professorin. Außerdem wurde sie Herausgeberin der Wochenzeitung Freitag und einer Fachzeitschrift. Sie lehrte in Berlin, Wien, Innsbruck, Freiburg und Hannover.

Die Frau, deren Name klang wie aus einem Loriot-Sketch entliehen, saß gerne zwischen allen Stühlen. Vielen galt sie als Feministin. Sie selbst hätte sich, obwohl sie sich oft mit Geschlechterfragen auseinandersetzte, so nie bezeichnet. In den Siebzigern, als Frauen – wie auch sie – sich gegen die hergebrachten Rollenmodelle auflehnten, nähte sie ihrem Sohn und ihrem Mann zu Weihnachten Hemden und Schlafanzüge. Von autoritärer Erziehung hielt sie nichts, dennoch ließ sie den Sohn Griechisch und Latein lernen. Als Alice Schwarzer Ende der achtziger Jahre die „PorNo“-Kampagne startete, trat sie ihr in einer Talkshow wortgewaltig entgegen. So aufbrausend und energisch, dass der Moderator in einer Drehpause ausrief: „Die Frau ist ja sensationell!“

Auch wenn sie nicht mehr auf der Bühne stand – inszenieren konnte sie sich auch als Professorin: Wenn sie in Seminaren zu viertelstündigen Monologen ansetzte und dabei Foucault und Horrorfilme zitierte, Platon mit Diskursen zur Stammzellenforschung kurzschloss, dann war das auch für jene, die nur die Hälfte verstanden, von größtem Unterhaltungswert. Als ein Student einmal gestand, er habe Verständnis für die Iraker, die Saddam Husseins Tod wünschten, setzte sie zu einem ausschweifenden, stetig lauter werdenden Vortrag über Moral und Würde an. Der Student packte seine Sachen, ging und kam nie wieder in ihr Seminar. So reagierten einige, die nicht verstanden, dass sie provozierte, um Standpunkte und Argumente einzufordern. Auch ihre Studenten sollten kämpfen, sich durchsetzen lernen.

Und sie mussten geduldig sein. Egal ob zu Seminaren oder Redaktionssitzungen – Gerburg Treusch-Dieter kam immer zu spät. Dann stürmte sie mit wehenden Haaren, behängt mit mindestens drei Taschen, bepackt mit kiloweise Papier in den Raum. Verbindlich war sie trotzdem. Dass man mitunter wochenlang auf eine E-Mail-Antwort warten musste, hatte nichts mit Unzuverlässigkeit zu tun. Ihr war es wichtig, jedem die ihm gebührende Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Dafür brauchte sie Zeit.

Ihr Gegenüber nahm sie oft wichtiger als sich selbst. Als ihre Krankheit schon so weit fortgeschritten war, dass sie vor Schmerzen nicht mehr sitzen konnte, veranstaltete sie trotzdem Seminare und betreute ihre Doktoranden. Die letzte Prüfung nahm sie stehend ab.

So jemand verabschiedet sich nicht leise. Auf ihrer Trauerfeier lärmten die Troggs „I want you“, zu Grabe gelassen wurde sie zu den Klängen der portugiesischen Revolutionshymne „Grândola, Vila Morena“. Der Trauerkranz ihrer Studenten hätte ihr gefallen: „Der Kampf geht weiter, Gerburg“ stand darauf.

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