Wirtschaft : Gerd Makowski

(Geb. 1939)||Links wurde kontrolliert, rechts wurde kontrolliert, er lief mittendurch.

Gregor Eisenhauer

Links wurde kontrolliert, rechts wurde kontrolliert, er lief mittendurch. Er war die Inkarnation des Leibhaftigen – für Feministinnen, denn die Frauen lagen ihm zu Füßen, immer schon. Die Erste, seine Mutter, deren Prinz er war, und die er vergötterte, lebenslang, und die ihm noch mit über neunzig die Hemden plättete. Und deren Buletten die besten der Welt waren, versteht sich.

Dann seine Sekretärin, Frau Bodenheim, eine Stämmige, die ihm über zwanzig Jahre den Rücken freihielt im Anzeigengeschäft, das in den goldenen Zeiten vor dem Mauerfall wie von selbst lief. Zumal er König im Umgang mit der Kundschaft war, denn er wusste stets, wo sie anzutreffen war, in der Kneipe nämlich, nicht im Büro. Auch deshalb war er jeden Abend unterwegs. Manchmal tauchte er dann erst Tage später wieder auf bei der Arbeit, aber das bügelte sie aus, Jahr für Jahr. Dann starb sie und er besuchte an jedem Todestag ihr Grab, weil er all seinen Frauen treu war, auf seine Weise.

Ein chauvinistisches Fossil, der Art, wie sie – in junger Gestalt – wieder heiß begehrt sind. Weil man sich an ihnen reiben kann. „Meine Sekretärin? Als Sekretärin eine Pflaume, aber als Pflaume …“

Die Sprüche machte er in ihrer Gegenwart, nicht hinter ihrem Rücken. Das war sein Trick. Einer unter vielen. Er war charmant, ein guter Tänzer, und vor allem: alles andere als ein Langweiler.

Er besaß die unterhaltsame Jovialität Wim Thoelkes und den unlöschbaren Durst Harald Juhnkes. Die Flasche war ihm in die Wiege gelegt worden. Sein Vater war daran gestorben, mit 67, und auch er starb daran, mit 67.

Viele seiner Frauen haben sich bemüht, ihn vom Trinken wegzubringen, aber es gehörte halt mit dazu, Lebensfreude flüssig. Sicher, es gibt viele gute Gründe, damit aufzuhören, aber keiner ist letztlich überzeugend – für einen Trinker.

Für die bizarre Langeweile eines Lebens ohne Rausch war er einfach nicht zu begeistern. Er fand jeden Tag neue Freunde, jeden Tag eine neue Liebe, und das fast fünfzig Jahre lang. Er verlobte sich gern und schnell, und er hat seine Frauen gepflegt. Immer generös, mit Geld und Komplimenten. Die Frauen wiederum durften sich ruhig ein wenig „aufmoppen“, denn er hat gern mit ihnen angegeben, dafür gab es das volle Programm: Kein Denkmal in Berlin, zu dem er nicht etwas zu sagen hatte. Kein größeres Richtfest, bei dem er nicht den Tanz eröffnet hätte. Und wenn er mal für einen Empfang keine Einladung hatte, dann ist er einfach reinmarschiert: Links wurde kontrolliert, rechts wurde kontrolliert, er lief mittendurch. Wenn es besinnlich sein sollte, lud er gern auch mal zu Beerdigungen von Prominenten.

Wo er stand und ging, immer eine Frau an seiner Seite, gern vollbusig. Und jede bekam ihren Beinamen: „Du heißt jetzt Luna. Nein, nicht weil du’n Mondgesicht hast. Weil du so schön singen kannst.“ Was störte sie nach diesem Spruch noch ihr Mondgesicht? All seine Frauen haben sich untereinander gut verstanden, besser zuweilen als mit ihm. Er war kein Mann zum Heiraten. Das hat jede über kurz oder lang gemerkt und sich von ihm getrennt, meist im Guten. Kinder? Kein Thema, sein Bruder hatte ja Kinder. Ansonsten war er nett zu allen: „Nö, ich schlag kein Kind auf der Straße, es könnte ja meins sein.“

Mit Männern hingegen konnte er nicht so recht. Wollte er ja auch nicht. Er war der beste Kumpel der Welt – am Tresen. Letztlich war er einsam. Viele Frauen. Viele Bekannte. Aber keiner blieb. Schon gar nicht bei ihm zu Hause. Da waren die Herdplatten Jahrzehnte unbenutzt.

Zum Ende hin haben sich seine Witze dann wiederholt, wie eine kaputte Schellackplatte. Und er wurde wehleidig – wie jeder Mann im Alter. Und dann hat er sich auch nicht mehr so um sich gekümmert. Da brauchte er eine führende Hand. Aber da wollte keine mehr.

„Ich spring jetzt aus dem Fenster“, lockte er. Und dann: „Och, is ja schön, dass du kommst, nehmen wir erst mal ’n Bierchen.“ Das kann man ein Mal machen, oder zwei Mal.

Er wollte nur noch ein letztes Mal Weihnachten feiern mit seiner Mutti, aber am 23. Dezember ist er gestorben.

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