Wirtschaft : Gerda Gellisch

(Geb. 1925)||„Musikerin“ sollte man sagen, das klang nach Verschwendung, nach Liebe.

Anne Jelena Schulte

„Musikerin“ sollte man sagen, das klang nach Verschwendung, nach Liebe. Mathematik, Grammatik, Physik. Warum nur zwang man sie, sich den ganzen Tag mit Dingen zu beschäftigen, mit Dingen, die vielleicht ihr Hirn bewegten, aber ihr Herz kalt ließen? Die Schülerin Gerda Gellisch lebte für die Musik und die Liebe. Und sonst gar nichts. Ihre Lehrmeister fand sie im Kino: Zarah Leander, Jeanette MacDonald.

„Sie wäre so gerne Sängerin geworden“, erinnert sich eine Schulfreundin.

Kaum, dass Gerda der Schule entwachsen war, wurde sie eingezogen zum Kriegsdienst. In Westpommern musste sie ihre Seidenstrümpfe gegen wollene Soldatensocken tauschen und sich am Radargerät zur Flugschreiberin ausbilden lassen, Nachtjagd.

Doch Gerda und ihre Kameradinnen waren jung, also unsterblich, vor den Angriffen englischer Jagdflieger hatten die Mädchen kaum Angst. In ihrer freien Zeit legten sie Grammophon-Platten auf oder saßen am Ufer des Körtnitzsees und sangen mehrstimmig, wobei Gerdas Stimme die Oktaven hinauf- und herabkletterte ohne je den Takt oder die Töne zu verfehlen. Auch die Offiziere waren ganz berückt von ihrem Talent und nahmen sie mit nach Dresden, wo man ihr ein neues Instrument vorstellte, das Funkgerät, und sie das Morsen lehrte. Als sie zu den anderen zurückkehrte, trommelte sie ihnen ihren Lieblingssatz vor: Ich liebe Dich.

Gerda machte ihre Arbeit gut, zu gut, ihr Dienst wurde wieder und wieder verlängert, und als sie endlich heim durfte, war der Krieg zu Ende und die Welt in Trümmern.

Gerdas Vater war schon im ersten Kriegsjahr an Typhus gestorben. Nun fehlte auch die Schwester, die zusammen mit einem SS-Offizier eine Überdosis Tabletten geschluckt hatte. Nur die Mutter wartete auf sie in der alten Wohnung, und wenn man da nachts auf dem Rücken lag, dann konnte man durch das zerfetzte Dach die Sterne sehen.

Die Mutter, von der Gerda sich nie geliebt gefühlt hat. Die sich von Gerdas Freundinnen „gnädige Frau“ nennen ließ und jetzt verlangte, dass die Tochter sich um sie kümmerte.

Womit Gerda in den folgenden Jahren Geld verdiente, wissen die Freundinnen nicht mehr. Sie wissen nur, dass es Arbeiten waren, die sie „niedrig“ nennen.

Doch nach siebenjähriger Pause zeigte sich Zarah Leander auf der Leinwand zurück. Und Gerda Gellisch schrieb sich an einem privaten Konservatorium in Wilmersdorf ein, wo sie die Fächer Klavier und Gesang belegte.

Ihre Stimme, befanden die Lehrer, sei klar und facettenreich, ein schöner Sopran. Doch Gerda war klein und zierlich, und das Stimmvolumen reichte nicht, um ganze Säle auszufüllen. Auch am Klavier war sie sehr begabt, aber wie sollte sie die übertreffen, die seit ihrem sechsten Lebensjahr gefördert wurden?

Einmal sang Gerda in dem Musical „Schwarzwaldmädchen“. In einer Kirche am Kurfürstendamm spielte sie regelmäßig zu Weihnachten die Maria.

Auch wenn sie nicht davonschwamm in Geld und Ruhm, so war sie ihrem Traum doch nah genug gerückt, dass sie ihre Entscheidung nie bereute. Sie befreundete sich mit einem berühmten Musikkritiker, einem älteren, alleinstehenden Herrn, der sie mitnahm zu allen Premieren der Philharmonie und der Deutschen Oper. Ihre Wände behängte sie mit handsignierten Fotos berühmter Sänger, Schutzengel, die sie mahnten, ihr Herz nie wieder so zu vernachlässigen wie im Mathematikunterricht.

Fest gebunden hat Gerda Gellisch sich nie. Zu groß war die Angst davor, dass die Liebe umkippen könnte in einen freudlosen Alltag.

Doch sie hatte ungefähr 80 Kinder, das waren ihre Klavierschüler. Ihr feines Gehör wusste die Misstöne zu unterscheiden in solche, die einem mangelnden Feingefühl für die Musik geschuldet waren, und solche, die dem Seelenleben ihrer Zöglinge entsprangen. Für die ersteren hatte sie einen dünnen Zeigestab, den sie mit chirurgischer Präzision auf jene Stelle im Notenpapier legte, an der die Verhunzung ihren Anfang genommen hatte. Für die zweiten hatte sie Worte, mit denen sie vorsichtig nach den Wunden tastete, die die Eltern, Lehrer oder die Liebe den Heranwachsenden zugefügt hatten.

Und die Schüler erzählten ihr Dinge, die sie sogar vor sich selbst geheim hielten. Sie schrieben ihr Karten aus dem Urlaub, dieser kleinen Frau, die ihr Haar aufgeschlungen trug zu imposanten Frisuren. Die ihnen ein wenig geheimnisvoll schien, und die es nicht gern hörte, wenn man sie „Klavierlehrerin“ nannte. Das klang so altjüngferlich. „Musikerin“ sollte man sagen, das klang nach Verschwendung, nach Liebe.

Traurig war sie, wenn ein Schüler sich lange nicht bei ihr meldete. Dann kam es vor, dass sie seitenlange Briefe schrieb: Es war eine schöne Zeit damals, und wir haben uns viel erzählt. Es war so familiär. Ich wüsste gern, was Du beruflich machst, und ob schon ein Baby da ist?

Als sie eine Lungenentzündung bekam und nicht mehr singen konnte, verlor sie in wenigen Tagen ihre Lebenskräfte. Nach ihrem Tod trafen sich die Schüler wie Geschwister, um Gerda Gellisch zu gedenken, der Musikerin.

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