Wirtschaft : Gerda Mewis

Geb. 1922

Thomas Loy

Die weite Welt aus tausend Stücken, zusammengesetzt und aufgeklebt. Der Blick auf Capri, das Panorama der Dolomiten, die Pracht von Versailles, die Anmut Venedigs: Alles selbst erschaffen, Stück für Stück zusammengesetzt, tagelang, wochenlang. Am Ende standen die großen geleimten Bildplatten hinterm Schrank von Gerda Mewis. Ein Archiv der schönsten Plätze dieser Welt. 1000 Teile. 2000 Teile.

Was nun damit anfangen?, fragen sich die Kinder. Die Arbeit eines Puzzlemeisters, die völlige Hingabe an die Wiederherstellung eines planmäßig zerschredderten Postkartenmotivs, findet selten gesellschaftliche Anerkennung. Dabei wird von Puzzlegegnern verkannt, wie ungeheuer schwierig und aufreibend es ist, riesige Himmelslücken zu schließen. Die menschenfeindlichen Puzzleschmieden von Ravensburger bis Schmidt-Spiele haben es bis in die jüngste Vergangenheit hinein verstanden, mindestens das obere Drittel der Bildfläche einer azurblauen Leere zu überlassen. Besonders perfides Motiv: einsames Segelschiff auf großer Fahrt. Gerda Mewis hat sich deswegen nie beklagt. Wenn sich keine passenden Teile fanden, hörte sie einfach auf und fing zwei Tage später wieder an.

Das Puzzlen war eine Art Ersatzhandlung. Wie auch das Gucken von Reisemagazinen im Fernsehen. Mit dem Reisen war es nämlich nicht so dolle bei den Mewis’. Von Würzburg aus ging es mal an den Bodensee, mal an den Starnberger See, auch mal ins Siemens-Erholungsheim im Fichtelgebirge, mal die Donau runter nach Österreich. Niemals weiter weg. „Ins Ausland fahr ich nicht“, sagte Gerdas Mann Joachim. Und Ende der Diskussion. Österreich zählte zum Inland.

Dafür fuhren die Mewis’ jedes Jahr nach Berlin. Da kamen sie nämlich her. Joachim hatte Anfang der Sechziger eine Stelle bei Siemens in Würzburg bekommen und Gerda war mitgekommen, natürlich ohne Murren. Obwohl, in Gerda tief drin murrte es schon einigermaßen. Sie hing doch sehr an Berlin. In Würzburg trat sie gleich dem „Bund der Berliner“ bei, der sich regelmäßig zu „Berliner Abenden“ traf. Als ihre Tochter nach Berlin zog, musste sie wöchentlich Neuigkeiten von der Spree nach Franken durchtelefonieren. Weilte sie auf Besuch in Würzburg, wurde sie beim Abschied verpflichtet, der Stadt Berlin Grüße von Gerda auszurichten. Die Stadt, ihre Stadt, solle ja nicht wagen, sie einfach zu vergessen. Man wird sich schon noch wiedersehen…

Gerda wusste, was so ein Gruß bedeuten kann und wie viel Hoffnung darin liegt, eine Stimme aus der Heimatstadt zu hören. Als die Soldaten von der Ostfront nach Hause telefonierten, hörten sie erst mal ein Klicken und dann das Fräulein vom Telegrafenamt in der Winterfeldtstraße. Das Fräulein war Gerda. Wenn das Verbinden nicht gleich klappte, durften sich die Soldaten auch bei ihr ausweinen.

Später hat sie dann vor allem Kinder getröstet. Zwei bekam sie im Krieg, eins kurz danach und eins viel später. Den Nachzügler nannte sie „der kleine Bayer“, weil er erst in Würzburg auf die Welt kam. Um den kleinen Bayern mühte sie sich besonders, weil die großen Kinder schon flügge waren. Mit ihm übte sie Tischtennis im Flur, paukte Latein-Vokabeln und stand nachts auf, um Mohammed Ali beim Knockout oder Ivan Lendl beim Matchball zuzuschauen.

Dann starb Joachim, den sie bis zuletzt gepflegt hatte. Das war einerseits schrecklich, andererseits befreiend. Der kleine Bayer, er heißt übrigens Thomas, begleitete seine Mutter zu einem dieser wunderschönen Postkartenorte: Santorin, die Vulkaninsel in der Ägäis. Gerda war endlich im Land ihrer Puzzleträume angekommen. Nur die 150 Stufen vom Appartement hoch zur Straße trübten das paradiesische Bild ein wenig. Gerda war immerhin schon 79. Sie lernte, dass Paradiese nicht von dieser Welt sind und kehrte zufrieden in ihr Würzburger Altersheim zurück. Dort spielte sie Karten, trank Rotwein, machte Ausflüge mit dem Rollstuhl und lebte, bis sie einschlief und sehr wahrscheinlich irgendwo im Paradies wieder aufwachte.

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