Wirtschaft : Gerda Wills

(Geb. 1922)||Derselbe Boden, dieselbe Sonne, nur andere Samen und andere Kulturen.

Stephan Reisner

Derselbe Boden, dieselbe Sonne, nur andere Samen und andere Kulturen. Was mochte sie so sehr lieben wie Maiglöckchen, Tulpen und lila Flieder? Da bleiben eigentlich nur ihre Katzen und der Familienschmuck. Den holte sie oft aus der Schatulle und breitete die goldenen und silbernen Stücke vor sich aus. Sie zu tragen, hatte die Gärtnerin nur selten Gelegenheit.

Kaum ein Tag ohne Plackerei, kaum ein Wochenende ohne aufgesprungene Hände, selten ein Jahr, in dem mehr als eine Woche Campingurlaub in Prerow an der Ostsee möglich war. Drei Hektar maß die Gärtnerei der Wills’ in Mahlsdorf, ein blühendes Areal mit hundert Meter langen Blumenbeeten und drei Gewächshäusern. Prächtiger Blickfang und sommerlicher Schattenspender war eine riesige Birke vor dem Werkstatthaus.

Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts war der Familienbetrieb gegründet worden, im Frühjahr 1959 warnte Gerda Wills ihren Mann Rudolf: „Dass du mir da nicht unterschreibst!“ Er war auf dem Weg zum ersten Treffen der Gärtnerischen Produktionsgenossenschaft in Mahlsdorf. Sie ahnte, dass die GPG das Ende des Kleinbetriebs bedeuten würde. Ihre Warnung musste der Wind geschluckt haben, denn als ihr Mann vom Treffen zurückkam, war er Vorsitzender der GPG. Er blieb es die nächsten zehn Jahre. Sein Argument: So würden sich die Geschicke des eigenen Betriebes ein klein wenig beeinflussen lassen.

Derselbe Boden, dieselbe Sonne, nur andere Samen und andere Kulturen. Statt Tulpen, Narzissen, Gladiolen und Levkojen blühten nun Stiefmütterchen, Astern, Azaleen, Alpenveilchen. Und viele rote Nelken. Einige der neuen, planmäßig zugewiesenen Arbeitskräfte verstanden sich zwar gut auf die festgelegten Arbeitszeiten, zeigten sich aber eher unverständig gegenüber den wetterfühligen Blumenständen. Aber Gerda Wills’ Blumen unterschieden nicht zwischen Feierabend und Nicht- Feierabend. Letztlich blieb die Arbeit an ihr hängen.

Drohte Frost, war sie noch vor ihrem Mann draußen, um Briketts anzuzünden, damit der Rauch die Blüten vor der Kälte schützte. Eher selten brachte sie einen Strauß Blumen mit nach Hause. Blumen, fand sie, vergehen besser im Freien als in einer Vase.

Zwei Leidenschaften hatte Gerda Wills: Das Tanzen und das Weihnachtsbaumschmücken. Die erste hatte sie mit ihrem Jugendfreund, dem Willy, ausleben können, doch der war ihr zum Heiraten nicht solide genug gewesen. Ihr solider Mann Rudolf konnte nicht tanzen; mit einer Fräse hatte er sich auf dem Feld das Bein zerschnitten.

Blieb die Weihnachtsleidenschaft. Riesige Blautannen gab es in Mahlsdorf immer, und so stand zu Weihnachten stets ein dreieinhalb Meter großer Baum im Wohnzimmer. Der Christbaumschmuck war Gerda Wills fast so lieb wie der Familienschmuck. Eineinhalb Tage lang widmete sie sich dem Baumputz. Das Lametta hing wie gekämmt von allen Ästen. Bis zum 15. Januar blieb der Baum stehen, dann hatte der Sohn Geburtstag. Und Gerda Wills verpackte jedes einzelne Stück Baumschmuck wieder sorgfältig in sein Schächtelchen.

Mit dem Ende der DDR kam das Ende Gärtnereigenossenschaft, Gerda Wills und ihr Mann waren längst in Rente, die Birke vor Jahren gefällt. Zehn Jahre stritt der Sohn vor Gericht um den Landbesitz, letztlich mit Erfolg. Gerda Wills betrachtete das Urteil mit Genugtuung. Schließlich war ihr Betrieb mit dem Eintritt in die Genossenschaft enteignet worden.

Zwei Jahre nach ihrem Mann ist sie gestorben. Am Tag ihrer Beisetzung sind Diebe in ihr Haus eingebrochen und haben ihren Schmuck gestohlen.

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