Wirtschaft : Gerhard Ebel

Geb. 1936

Kirsten Wenzel

Erst studierte er, dann dozierte er, und schließlich wollte er wieder studieren. Ebels gibt es nur zu zweit, hat er oft gesagt. Wenn man versuchte, ihn ohne seine Frau einzuladen, dann kam er lieber gar nicht. Unzertrennlich waren sie seit Schülertagen, seit sie stundenlang neben der Ruine der Lutherkirche in Kassel gesessen, Sartre und Tucholsky gelesen, über die Welt nachgedacht hatten. Das Philosophische verband sie. – Wo kommen wir her? – Wo gehen wir hin?

Journalist wollte er ursprünglich werden. Seine eigene Schülerzeitung hatte er schon gegründet, sich selbst einen Presseausweis ausgestellt und bei Gelegenheit Louis Armstrong in Kassel interviewt.

Studiere nur, was dich wirklich interessiert, das hatte man ihm in einer Zeitungsredaktion geraten. Also wählte er in Berlin als Hauptfach sein liebstes: die Philosophie bei Professor Weischedel, der ein Semester lang nur über den Thales-Satz „Am Anfang war das Wasser“ sprach. Natürlich studierte er es gemeinsam mit seiner Frau. Die beiden gingen dann für ein Gastsemester nach München – und blieben dort zehn Jahre. Forschungen zu Grundlagenfragen der Physik und Mathematik beim „kritischen Realisten“ Alois Wenzl, eine Hochzeit, zwei Kinder, für die die Frau das Studium erst mal an den Nagel hing, so wie es damals üblich war. Die Schreibmaschine des studierenden Papas thronte stets mit einem eingespannten Blatt Papier im Wohnzimmer. Die vierjährige Tochter tippte darauf herum und begrüßte ahnungslose Gäste mit der Aufforderung: „Du Onkel, sag jetzt mal ganz schnell Phän-o-me-no-lo-gie.“

Neben der Promotion unterrichtete Gerhard Ebel an der Münchener Volkshochschule. Dort hatten die Kurse am Anfang viele Teilnehmer und am Ende wenige. Nicht so bei ihm. Am Ende seines Kurses, in dem er zum Beispiel Kant erklärte und gleich auch noch die Evolutionstheorie, passten die Hörer nicht mehr in die Aula hinein. Und er hatte ein Talent entdeckt, das noch größer war als die eigene Wissbegier: die Gabe, verständlich von Schwierigem zu sprechen und sich dabei in ein Gegenüber zu versetzen, das von der Sache kaum etwas versteht.

So wurde er Direktor einer Volkshochschule in Göttingen. Dort führte er ein strenges, doch beliebtes bildungsbürgerliches Regiment, kämpfte gegen die stets drohende Oberflächlichkeit, zum Beispiel mit Studienreisen in die Sowjetunion, bei denen nur mitfahren durfte, wer im Vorbereitungskurs „Geschichte, Kunstgeschichte, Geografie“ nicht zu oft gefehlt hatte. Zwölf Jahre lang ging das so, bis er zu seiner Frau sagte: Ich bin müde, mir fällt irgendwie nichts mehr ein.

Nach einer Art zweijährigem Bildungsurlaub in eigener Sache, als General Manager einer Baufirma in Saudi-Arabien und der Einsicht, doch nicht zum Kaufmann zu taugen, war sein pädagogischer Energietank wieder aufgefüllt. Ebel krempelte die Ärmel hoch, als man ihm 1983 die Leitung der Berliner „Urania“ antrug. Das Flaggschiff der Wissenschaftspopularisierung, in dem schon Einstein vorgetragen hatte, befand sich damals in keinem guten Zustand: 50000 Hörer pro Jahr. Unter Ebel waren es schnell fast viermal so viele. Er holte die interessanten Gäste herbei, Politiker, Künstler und vor allem Wissenschaftler. Das neueste Wissen, forderte er, darf nicht das Eigentum der Forschenden bleiben, es gehört doch allen. Zur Hundertjahrfeier 1988 kamen zwölf Nobelpreisträger. Und die Ebels gingen mit dem Mathematiker Benoit Mandelbrot in die Oper und flanierten mit den Gorbatschows durch Berlin.

Gemeinsam genossen sie die bewegtesten Jahre ihres Lebens. Doch im Ruhestand, so der Plan, da sollte es endlich wieder nachdenklicher zugehen. Die Schränke steckten voller Notizen, aus denen Ebel Bücher machen wollte. An den Universitäten wollte er sich einschreiben, um Hirnforschung und Ethnologie zu studieren. Endlich wieder rund um die Uhr Student sein. Noch gründlicher, noch tiefer einsteigen in das unendliche Meer des Wissens.

Die Krankheit hat es nicht mehr dazu kommen lassen. Noch wenige Monate vor seinem Tod besuchten ihn befreundete Musiker der Berliner Philharmoniker in der Wohnung in der Droysenstraße, spielten für ihn und für seine Frau. Ohne ihn ist sie nicht in Berlin geblieben. Sie ist in ein kleines Dorf bei Göttingen gezogen. Dorthin, wo man ihn begraben hat.

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