Wirtschaft : Gerhard Hentschel

Geb. 1928

Marc Neller

Das letzte Klassentreffen, Kammerspiel- atmosphäre, heiter. Es wurde dann doch ein ausgelassener und geistvoller Abend. Nicht, dass sie von ihrem Gastgeber anderes hätten erwarten müssen. Nur schienen ihnen die Umstände nicht angetan, unbeschwert über alte Zeiten zu plaudern.

Gerhard Hentschel war schwer krank, er wollte sie noch ein letztes Mal sehen: seine erste Abiturientenklasse. Den renitenten Wolfgang, dessen Schulverweis das Kollegium immer wieder erwog. Oder Karin, die mit spitzen Bemerkungen den Unterricht auflockerte. Oder Edgar, der, fast zwanzig, die vom Vater aufgezwungene Fleischerlehre schmiss, zurück auf die Schule ging, Gedichte schrieb und schließlich Romanistikprofessor wurde. Sie kamen, um ihren alten Lehrer Hentschel noch einmal zu sehen.

Hentschel, den Gewissenhaften, der die Aufsatznoten immer ausführlich begründete. Hentschel, den Literaturliebhaber, der sie mit den Expressionisten, Dadaisten und den Zeitgenossen bekannt machte. Hentschel, den Bohemien. Er rauchte filterlose Pall Mall, trug Gerhart-Hauptmann-Frisur, fülliges dunkles Haar, Rollkragenpullover mit Anzug oder Weste drüber. Die Kollegen trugen Hemd und Krawatte, für sie war er ein Affront.

Hentschel, den Theaterregisseur auf Umwegen. Kurz vor Ende seines Studiums hatte er bei Brecht am Berliner Ensemble hospitiert. War begeistert, hatte Träume, wurde trotzdem Lehrer. Doch als seine Schule anstelle des Samstagsunterrichts Arbeitsgemeinschaften unter der Woche einrichtete, bot er eine Theater-Arbeitsgemeinschaft an.

Auftritt Regisseur.

Es ist das Jahr 1960, als Hentschel mit seinem ersten Abiturjahrgang Brechts „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ inszeniert. Ein unbequemes Stück damals im Westen. Dennoch hat ausgerechnet die Bild-Zeitung geholfen, SA-Verkleidungen heranzuschaffen. Andere Zeitungen in der Stadt bringen wohlwollende Rezensionen. Von da an sind der nebenberufliche Theaterregisseur und der Lehrer Hentschel gleichrangige Kollegen. Die beiden lassen schon mal bei sich zu Hause proben: Altbauwohnung, 220 Quadratmeter, das Entree ist groß genug für einen provisorischen Vorhang und um dort mit einer Hand voll Darsteller an den Szenen zu feilen.

Die Erinnerungen werden noch einmal wach, das letzte Klassentreffen, Kammerspielatmosphäre, heiter.

Um die Zäsuren im Leben Gerhard Hentschels geht es an diesem Abend nicht. Mit sechzehn wird er eingezogen, Marinehelfer an der Helgoländer Küste. 1953 flüchtet er von Birkenwerder nach West-Berlin. Jemand hat ihn in seiner Zeitschriften-Redaktion angerufen, gegen ihn liege eine Anzeige vor: Boykotthetze und Fluchtbegünstigung. „Ziehen Sie sofort die Konsequenzen!“ Er kommt nach dem Dienst erst gar nicht mehr nach Hause. Kollegen geben seiner Frau Bescheid. Am selben Abend kommt sie mit dem Baby nach. Es ist der 17. März, Gerhard Hentschels 25. Geburtstag.

Im Westen besitzt die junge Familie erst mal nichts, da trifft es sich gut, dass er so viel gelesen hat. So jemand weiß immer eine Antwort. Falls er sie mal nicht weiß, dann weiß er, wo man sie findet. Später, als sie längst in der schönen großen Wohnung leben, schnellt Gerhard Hentschel schon mal mitten im Gespräch aus seinem Sessel hoch, steuert mit festem Schritt auf ein Bücherregal zu, um die Einwohnerzahl dieser isländischen Stadt oder den Urheber jener philosophischen Überlegung nachzuschlagen. Dass er anstrengend sein kann, ist ihm bewusst. Aber er wird sich nicht ändern deswegen.

Also wuchern die Bücher zu tausenden sämtliche Zimmerwände hoch wie Efeu. Und er liest. Nach der Schule, im Urlaub, nie geht er ohne Buch aus dem Haus. Nicht zum Arzt, nicht ins Café. Als es keine andere regalfreie Stelle in der Wohnung mehr gibt, macht er aus dem zweiten Bad ein Literatenklo, Abteilung Theater und Reise. Um die Nägel, die dafür in die Wand geschlagen werden müssen, soll sich aber bitte schön seine Frau kümmern; er ist für derlei Arbeiten eher nicht zu gebrauchen.

Aber gesellig kann er sein! Gerhard Hentschel hat gerne Menschen um sich, er hat eine angenehme tiefe Stimme. Auf Hochzeiten und Geburtstagen im Freundeskreis tritt er als Rezitator auf: Kästner, Kaléko und was ihm sonst noch geistvoll unterhaltsam erscheint.

Doch es gibt auch einen traurigen Grund dafür, dass er sich selbst nicht in Ruhe lässt, dass er immerzu liest, Theaterstücke vorbereitet, für Zeitungen politische Bücher bespricht oder mit seiner Frau Kulturreisen unternimmt: die intellektuelle Einsamkeit. Sein bester Freund, ein Politikredakteur, starb viel zu früh, ein anderer guter Freund zog fort. Es waren jene Menschen, mit denen man die Welt argumentativ auseinander nehmen und dann, fein säuberlich analysiert, wieder zusammensetzen konnte.

Das Klassentreffen ist vorüber, der letzte Dialog verhallt. Das Schlussbild: ein Arbeitsraum, der Schreibtisch am Fenster vor der Loggia, mit Blick auf die Blätterdächer eines Parks. Abgang Lehrer. Abgang Regisseur.

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