Wirtschaft : Gerhard Kücken

(Geb. 1902)||Als er auf die Welt kam, war Hertha BSC gerade mal zehn Jahre alt.

Thomas Loy

Als er auf die Welt kam, war Hertha BSC gerade mal zehn Jahre alt. Hertha BSC wurde im Jahr 1930 erstmals Deutscher Meister. Im Finale schlugen sie Holstein Kiel mit 5 : 4. Damals wurden noch richtige Turniere gespielt. Im Jahr darauf holte Hertha wieder die Meisterschaft, im Endspiel gegen 1860 München, mit 3 : 1. Danach begann die Epoche der Enttäuschungen und das große Warten. Opa Kücken wollte nicht abtreten, bevor Hertha zum dritten Mal den Titel geholt hat. Er war ein Optimist. Manche sagen auch, er war stur. Er hielt sich fit, nahm Vitaminpillen und setzte beim großen Schiri im Himmel immer wieder eine Verlängerung durch. Fast 75 Jahre wartete Herthas ältester Fan auf den erneuten Triumph seiner Mannschaft, dann legte er sich hin und schlief ein.

„Koof dir ne Zeitung, dann weeste, was bei Kückens los is“ – solche Sprüche hielten ihn bei Laune. Dass so viel über ihn geschrieben wurde, befand er für einen Hundertjährigen seines Kalibers nur als angemessen. Leider wurden auch unschöne Dinge berichtet. Als seine zweite Frau starb, klagte ihre Familie auf Herausgabe des Erbes. Gerhard Kücken veranlasste, dass der Prozess über seinen Tod hinaus fortgesetzt wird. Es ging schließlich um seine Ehre. Als er auf die Welt kam, war die Ehre weitaus wichtiger als der Tod. Hertha BSC war damals erst zehn Jahre alt.

Man spielt am Gesundbrunnen, und Gerhard klettert über den Zaun, um sich den Eintritt zu sparen. Auf der Ecke Seestraße - Müllerstraße stand sein Elternhaus. Von dort ist es nicht weit.

Der Vater ist Gärtner in der Charité. Was er nach Hause bringt, reicht kaum, um die sechs Kinder zu ernähren. Gerhard ist das Nesthäkchen, hängt sehr an der Mutter. Als die 1918 von einem der wenigen Autos, die damals unterwegs sind, angefahren wird und einen Tag später stirbt, ist Gerhard fassungslos vor Schmerz. In den Frauen, die er später trifft, sucht er immer auch einen Ersatz für seine Mutter.

Das Kapitel „Gerhard und die Frauen“ ist neben dem Sport-Kapitel das umfangreichste seiner Memoiren, die er nie vollendet hat. Gerhard Kücken ist großgewachsen, von kräftiger Statur, mit einer ausdrucksstarken Gesichtsarchitektur und tadellosen Umgangsformen. Die Frauen, so könnte man vorsichtig formulieren, halten sich gern in seiner Nähe auf. Und umgekehrt. Das hält ja jung. Mit 94 Jahren heiratet er zum zweiten Mal.

Sportlich gesehen, hat sich Athlet Kücken vor allem als Radrennfahrer betätigt. 1919 tritt er dem Club „Endspurt 1911“ bei, fährt „Schmuckreigen“ und betreibt Radball. Später paddelt er auch durch die Brandenburger Gewässer. Auf musikalischem Gebiet bereichert Kücken 50 Jahre lang das Klangbild des Mandolinenorchesters „Napoli“.

Zum beruflichen Werdegang ist zu sagen, dass er sehr wechselhaft verlief. Gerhard Kücken tritt zunächst in die Deutsche Bank ein. Als einer von 125 Laufburschen trägt er einen schwarzen Anzug mit silbernen Knöpfen. Danach wird er kaufmännischer Lehrling bei der „Expedition Rudolf Mosse“ und verkauft Extrablätter auf den Straßen. Eines Tagen steht drauf „Der Kaiser hat abgedankt!“ Die Mosse- Jungen machen ein gutes Geschäft.

Gerhard Kücken wird Buchhalter und Archivbeamter, danach schult er um und arbeitet anschließend als Techniker im Vermessungsamt Steglitz, will aber noch höher hinaus und belegt Abendkurse in „Schriftzeichnen“ und „Moderne Reklame“.

Als in Steglitz ein Heimatfest vorbereitet wird, kümmert sich Kücken ehrenamtlich um die Reklame, ackert bis spätabends, damit die Plakate fertig werden und bekommt vom Bürgermeister ein großes Lob samt Empfehlung für eine „Kraft-durch-Freude“-Schiffsreise. Als zusätzliche Auszeichnung bietet ihm sein Chef die Aufnahme in die NSDAP.

Nach dem Krieg halten sie ihm seine braune Vergangenheit vor, und Kücken muss wieder von vorne anfangen. Sein Freund Max Gericke stellt ihn in seinem Grabmalsgeschäft an. Kücken ist jetzt Mitte 40, ahnt aber schon, dass das für einen wie ihn kein Alter ist. Er wird ordentlicher Steinmetz-Lehrling und bekommt nach drei Jahren eine Anstellung als Geselle. An der Stele zum Dank für die Wiederaufforstung des Großen Tiergartens arbeitet Kücken mit, die Schildhorn-Säule wird unter seiner Regie wiederaufgebaut. Das Meißeln der Inschriften gehört zu den Fertigkeiten, die ihn auszeichnen.

Anfang der fünfziger Jahre zieht sein Chef eine Senats-Ausstellung zu den Entwürfen für die Stadtautobahn an Land. Kücken plaudert mit einem Verantwortlichen und erzählt ganz nebenbei, dass er eigentlich kein Steinmetz sei, sondern Vermessungstechniker. Wenig später wird er aufgefordert, sich beim Senator für Inneres zu bewerben. Gerhard Kücken ist wieder in den sicheren Schoß des Öffentliches Dienstes zurückgekehrt. 1967 wird er pensioniert. Einen Namen macht er sich fortan als eleganter Tänzer auf diversen Schiffsreisen.

Bleiben von ihm wird nur die Urne, in Hertha-Blau. Darin liegt nicht nur seine Asche, sondern auch die von Marcelinho, der Strickpuppe, die er im Stadion immer bei sich trug.

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