Wirtschaft : Gerlinde Gerhardt

Geb. 1943

Stephan Reisner

Die Mauer um die Stadt? Egal. In der Stadt war genug los. Gerlinde als passionierte Großstädterin. Als Frau mit Freunden aus aller Welt. In einer riesigen, in toskanischen Farben leuchtenden Wohnung in Berlin- Charlottenburg. Vierzig Jahre lang verheiratet mit einem Mann mit klarblauen Augen, die an Paul Newman erinnern. Mutter zweier unkomplizierter Kinder. Mit dem Chef im Möbelhaus per du. Vor der Tür ein Cabriolet. Wer hätte das gedacht!

In den fünfziger Jahren träumte das junge Mädchen in der Schwarzwälder Kleinstadt Offenburg von allem möglichen, aber nicht von Berlin. Berlin, das war ein ferner Moloch, von allen guten Waldgeistern verlassen mit dem Kommunismus vor der Tür.

In der Tanzschule lernte Gerlinde Michael kennen, einen richtigen Berliner mit Herz und Schnauze, dessen Familie es in den Schwarzwald verschlagen hatte. Eine Liebe auf den ersten Blick – mit 16. Michael wollte zurück nach Berlin, und er machte Gerlinde ihre Kleinstadt madig. Er erzählte ihr von Kinos und Theatern, von den vielen Tanzlokalen. Berlin! Hier könnte man Profi-Tänzer werden. Man müsste ja nicht nach Kreuzberg oder Wedding ziehen, erklärte er ihr. In Westend oder am Kaiserdamm lebe es sich durchaus bürgerlich.

Dann wurde in Berlin die Mauer gebaut, und selbst in Offenburg sprachen alle von der großen, fernen Stadt. „Jetzt oder nie!“, sagte Michael, machte Gerlinde den Heiratsantrag und fragte, ob sie mitkäme. Sie sagte erst einmal: Nein. Wie vor den Kopf geschlagen schwankte er in die Nacht, verzweifelt und desillusioniert. Doch an der Bushaltestelle hatte sie ihn bereits eingeholt. Die Nacht verbrachten sie bei ihm, und am nächsten Morgen war die Sache beschlossen.

West-Berlin, die Inselstadt, Mitte der sechziger Jahre. Weil Michael sein erstes Auto zu Schrott gefahren hatte, kreuzten sie mit einem Freund zu dritt in dessen Isetta durch die Stadt. Tanzen, Kino, Ku’damm. Eine neue, ungewohnte Freiheit für Gerlinde. Die Mauer um die Stadt? Egal. In der Stadt war genug los. Als das erste Kind sich ankündigte, wurde endlich geheiratet. Und mit der Heirat kam die erste gemeinsame Wohnung, und mit der gemeinsamen Wohnung das zweite Kind, und mit der Familie und der Konjunktur der Wohlstand und eine noch größere Wohnung.

Michaels Leidenschaft waren von jeher schöne und schnelle Autos. Für den Traum vom Porsche hatte Gerlinde noch Verständnis, aber einen Ferrari? Nein. Als gelernte Steuerfachgehilfin verstand sie was vom Geld und von den kleinen und großen Selbstüberschätzungen.

Eines Tages stand ein feuerroter Wagen vor der Tür – kein Ferrari, aber immerhin: ein Triumph Spitfire. Zweisitzer mit braunen Ledersitzen, Sportgetriebe, Armaturenbrett aus Holz. Gerlinde steckte sich an und wurde zur passionierten Cabrioletfahrerin. Die Frisur? Was soll’s. Bei offenem Verdeck durch Berlin zu flitzen, war das Allergrößte.

Sie fuhr gern schnell, nicht gleich mit der Nadel hart an der 250 wie Michael, aber 220 auf der Autobahn waren schon mal drin. Sie sei die einzige Frau gewesen, von der er nie gehört habe: „Fahr bitte langsamer!“, erzählt ihr Mann ganz begeistert.

Hätte jemand ihm noch vor einem Jahr gesagt, seine Frau stürbe vor ihm und zwar sehr bald, hätte er entschieden abgewinkt. Gerlinde war doch immer total fit! Dann der Krebs, erst noch langsam, dann ganz schnell.

Weiß stand Gerlinde besonders gut. Sie wirkte darin sehr mondän. In einem weißen Sarg mit roten Rosen wurde sie beigesetzt.

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