Wirtschaft : Gertrud Knop

(Geb. 1924)||„Wir sind die Eltern, und wir haben immer recht.“

Kirsten Wenzel

„Wir sind die Eltern, und wir haben immer recht.“ Als junges Mädchen strahlte sie. Ein echtes Berliner Stadtfräulein: auf dem hübschen Kopf ein Hut, und darauf eine kesse Feder, ein Foto zeigt sie so.

Sie wird wohl öfter tanzen gegangen sein, sagt ihre Tochter, vielleicht hat sie auch gern geflirtet. Vermutungen, Ideen über die unbekannten Seiten ihrer Mutter, die die Tochter später ganz anders erlebte.

Da gibt es die Geschichte von dem Landjahr, bei dem die 14-jährige Gertrud Knop aufgeblüht und so kräftig geworden sein soll, dass die eigene Mutter sie nicht erkannte und am Bahnhof an ihr vorbeiging. Bei den Bauersleuten habe sie einen wunderbaren Stand gehabt, erzählte Gertrud Knop im Pflegeheim, so viel Achtung und Freundlichkeit erfuhr sie dort, beim Ausmisten und Hühnerfüttern, wie später kaum mehr im Leben. Und selbst für die großen Gefühle muss in der kurzen süßen Jugend noch Platz gewesen sein: Edgar hieß der Mann, den sie liebte, und er liebte sie auch.

Dann wurde er Soldat und kehrte nicht zurück. Gertrud Knop wurde Nähhelferin und schneiderte im Akkord, was das Land damals in Mengen brauchte: Fahnen – bei der Firma Geitel. Dort traf sie einen anderen Mann, er war Buchhalter. Sie liebte ihn nicht, doch sie ließ sich ein und wurde schwanger. „Dann heiratest du ihn auch“, befahl die Mutter, „als Buchhalter kann er für dich sorgen.“ Es war nun mal Krieg, und sie bekam ein Kind. So waren die Verhältnisse. Sie gehorchte. Sie dachte, so muss es sein.

Geheiratet wurde schon in Uniform, dann zog auch der Ehemann in den Krieg. Ihre erste Tochter starb kurz nach der Geburt, der Sohn kam ein Jahr später zur Welt, Ergebnis eines kurzen Fronturlaubs. Gertrud Knop blieb mit dem Jungen allein in Berlin, drei Jahre lang. Sie nahm ihn überall mit hin, in den Luftschutzkeller und zum Hamstern aufs Land. Sie hungerten, die Bomben fielen, doch sie schliefen jede Nacht in einem Bett. Es waren harte, aber harmonische Jahre. Bis der Vater 1945 plötzlich vor der Tür stand und der Junge sagte: „Wer ist der fremde Mann?“

Sie blieben sich immer ein wenig fremd, Sohn und Vater, Frau und Mann. Der Vater saß oft im Wohnzimmer und schwieg. Blieb ein Rätsel auch für die Tochter, die nach dem Krieg zur Welt kam und doch eigentlich sein Liebling war. Gertrud Knop tat, was ihr das Leben auftrug: waschen, kochen, putzen, treu sein, die Kinder erziehen. Niemals murren. Der Mann, der unter fremden Leuten gern den leutseligen Erzähler gab, wollte zu Hause vor allem eins: bestimmen.

Als Gertrud Knop sich mit der Zeitungsfrau anfreundete und die ihr vorschlug, in ihrem Laden mitzuarbeiten, hätte sie das gern getan. Doch ihr Mann sagte: „Das kommt nicht in Frage. Hier verdiene ich das Geld.“ Damit war die Sache erledigt. Sie akzeptierte es.

Bevor er nachmittags um fünf von seinem Buchhalterposten nach Hause kam, rauchte Gertrud Knop noch eine letzte Zigarette, dann wedelte sie den Qualm aus dem Fenster und versteckte die Schachtel. Sie hielt die Kinder vom Mann fern, wenn er nicht angesprochen werden wollte und sagte: „Papa geht’s grad’ nicht gut.“ Das konnte wochenlang so gehen. Ein ängstliches Klima, in das die Kinder auch später nicht gerne ihre Freunde mitbrachten. Sie gingen lieber hinaus in die Welt.

Als ihr Sohn mit achtzehn Jahren zum ersten Mal Vater wurde, waren Gertrud Knop und ihr Mann sich einig, dass das viel zu früh sei. Doch sie boten der jungen Familie Unterstützung an, meinten es gut und wollten helfen. Und Sohn und Schwiegertochter waren zunächst sehr froh, dass die Großeltern das Enkelkind gelegentlich zu sich nahmen. Doch dann begannen die Konflikte, die ständige Kritik. Nichts, so schien es, machten die jungen Leute richtig. Wie sie das Kind erzogen, die Wohnung einrichteten, wofür sie ihr Geld ausgaben, das alles passte dem Vater nicht. Und Gertrud Knop hielt zu ihm. Als die jungen Leute es wagten, zu widersprechen, sagte sie: „Wir sind die Eltern, und wir haben immer recht.“ Du sollst Vater und Mutter ehren und ihnen gehorchen, so war es doch damals gewesen, als sie selbst jung war. So, dachte sie, müsste es immer noch sein.

Irgendwann zogen die jungen Leute einen Schlussstrich und brachen den Kontakt ganz ab.

Gertrud Knop trauerte still, jahrelang, weil der geliebte Sohn nicht mit ihr sprach. Sie wurde alt darüber, sie überlebte ihren Mann. Sie hatte keine Freunde und keinen Beruf, nur ihre Familie, und die war nun zerrissen. Doch eines Tages stand der Sohn dann doch an ihrem Bett im Pflegeheim, reichte ihr die Hand. Da war alles wieder gut.

„Erst im Pflegeheim habe ich wirklich mit ihr sprechen können“, erinnert sich die Tochter. Sie wurde wieder ein sanft lächelndes Mädchen, nicht mehr so hart und vernünftig. Sie hätte so viel mehr sein können, als sie wurde. Aber die Verhältnisse waren nicht so.

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