Gesamtmetall : Allein unter Männern

Heike Kunstmann war die erste Frau an der Spitze von Gesamtmetall. Ende Februar geht sie.

Alfons Frese

Berlin – Nach drei Jahren ist die „kleine Revolution“ beendet, der „Kulturschock“ überwunden. Oder war alles gar nicht so schlimm und die Medien haben den Mund mal wieder etwas zu voll genommen? Damals, im Frühjahr 2005, als Martin Kannegiesser, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, die Verbandsszene mit einer ungewöhnlichen Personalie überraschte: Er legte die Geschäfte des so mächtigen Verbandes in die Hände einer jungen Frau, die bis dahin im Personalwesen des Münchener Konzerns Knorr-Bremse tätig war. Heike Maria Kunstmann, Jahrgang 1966, Betriebswirtin, wurde Hauptgeschäftsführerin von Gesamtmetall und damit Gegenspielerin der IG Metall. Kannegiesser und Kunstmann gegen Peters und Huber. Ein Experiment, dessen Sinn sich manchen Verbandsherrschaften nur schwer erschloss. Und das nun zu Ende geht. Ende Februar scheidet Kunstmann aus, weil sie im April ein Kind bekommt. Zuvor wird noch geheiratet.

„Das war eine schwierige Entscheidung, ist aber auch eine riesige Chance“, sagt Kunstmann über ihren Ausstieg. Beim Sprung von der Karrierleiter ins Familienleben hat sie „ein sehr gutes Gefühl“. Nach ein paar Babymonaten wieder ins Geschäft kam nicht in Frage. „In diesem Job für einige Monate unterbrechen und dann zurückkommen ist sehr schwierig.“ Zumal für eine ehrgeizige Frau, die „gedrillt war auf Performance“, wie sie ihre Zeit bei Gesamtmetall beschreibt.

Kannegiesser wollte mit Kunstmann Schwung in den Metallverband bringen. 35 Mitarbeiter steuern in der Berliner Zentrale am Leipziger Platz die Organisation, zu der mehr oder weniger wichtige und mächtige 21 Regionalverbände gehören. Eine Männerwirtschaft wie in einem Fußballverein. Und plötzlich eine Frau als Chef vom Ganzen. „Ihr größter Fehler: Sie war blond“, sagt ein Verbandsmensch über Kunstmann, die bei manchem Mitglied der Altherrenmanschaft belächelt wurde. Nach der Devise: „Mädchen, du hast keine Chance.“

Beim Gegner IG Metall stieß sie auf weniger Vorbehalte. Etwas verschwurbelt formuliert sie selbst ihre Erfahrungen. „Es hat einige Anstrengungen gekostet, bei der bisweilen ausgeprägteren Emotionalität auf die Sachebene zu kommen.“ Sachlich wollte sie immer sein, doch die Verbandswelt mit ihren Eitelkeiten, Machtkämpfen und Seilschaften, vor allem auch Männerfreundschaften, funktioniert anders. Nach Mitternacht, wenn die Herren bei Rotwein und Zigarren saßen, war sie schon weg. Um halb sechs ging ihr Wecker, dann Joggen, kurz nach sieben war sie im Büro. Den Laden in Schwung bringen.

Forsch ging sie an die Arbeit, verschreckte manche und drehte manchmal zu stark auf. Wie in Düsseldorf, nach einer Tarifnacht: Die Novizin überreichte einem alten Tarifkämpen gönnerhaft einen Blumenstrauß. Der ärgerte sich schwer über die Attitüde der altklugen Hauptgeschäftsführerin aus Berlin und pfefferte den Strauß in die Ecke. „Ich habe eine geradlinige Haltung und pflege eine klare Sprache“, beschreibt sie sich selbst.

Sie führte einen neuen Stil ein. Mehr Offenheit, Transparenz, klarere und standardisierte Abläufe. Das sollte sie können, denn ihre Doktorarbeit schrieb sie Mitte der 90er über „Wettbewerbsorientierte Gestaltung der Prozessorganisation“. Am Ende des Tages sollte Gesamtmetall schneller werden und näher an die Mitglieder, die Unternehmen heranrücken. Das war ein Motiv Kannegiessers bei der Auswahl Kunstmanns gewesen: Die war zuletzt Personalchefin bei Knorr-Bremse, einem Unternehmen, das nicht mal einem Tarifverband angehörte. Und die Strategie von Gesamtmetall geht seit Jahren dahin, solche Firmen in Verbänden ohne Tarifbindung zu organisieren.

„Ich glaube, ich habe Spuren hinterlassen“, sagt Kunstmann heute, ein paar Tage vor dem Abschied. Gesamtmetall sei besser organisiert, das würden ihr jedenfalls die Mitarbeiter „spiegeln“ und die Bereitschaft für kontinuierliche Veränderungsprozesse sei größer geworden. Das lebt sie jetzt vor mit ihrem Ausstieg, dem aber irgendwann wieder ein Einstieg folgen soll. Vielleicht als Beraterin. „Ich will diese Offenheit jetzt auch mal genießen“, sagt Kunstmann, für die „das Leben bislang der Job war“.

Demnächst also Kind und Ehemann. Der Gatte ist in der Private-Equity-Branche tätig, Kunstmann muss nicht zwingend zum Familienbudget beitragen. So aussteigen zu können empfindet sie als „einen Luxus, für den ich dankbar bin“. Endlich passe alles zusammen, sie ist bei sich angekommen und freut sich sichtlich über das neue Leben. Und wohl auch darüber, die Männerwelt der Metallindustrie hinter sich zu lassen.

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