Wirtschaft : Gesamtmetall deutet besseres Angebot an

HAMBURG / BONN (Tsp).Unmittelbar vor der Entscheidung der IG Metall über ihren weiteren Kurs im Tarifkonflikt für die bundesweit 3,5 Millionen Beschäftigten haben die Arbeitgeber ihren Willen zu einem Kompromiß in einem Schlichtungsverfahren unterstrichen.Gesamtmetall-Präsident Werner Stumpfe lehnte in den "Bremer Nachrichten" zwar die Gewerkschaftsforderung ab, vor Beginn einer Schlichtung ein neues Angebot vorzulegen.Im Gespräch mit der "Bild am Sonntag" machte er aber deutlich, daß die Arbeitgeber in einem Schlichtungsverfahren unter bestimmten Bedingungen zu einer Verbesserung ihres Angebots bereit seien."Unser Vorschlag, einen Schlichter einzuschalten, ist kein taktisches Spiel, sondern ein klares Kompromißangebot, das wir sehr ernst meinen", betonte Stumpfe.Als Schlichter wünschen sich die Arbeitgeber nach Informationen der "Welt am Sonntag" den Bremer Altbürgermeister und Bosnienbeauftragten der Bundesregierung, Hans Koschnick (SPD).

Der Vorstand der IG Metall wird an diesem Sonntag in Frankfurt (Main) über das Schlichtungsangebot entscheiden.Zugleich soll aber auch ein Tarifgebiet festgelegt werden, in dem ein Arbeitskampf geführt werden könnte.Voraussichtlich wird das der Bezirk Baden-Würtemberg sein, wo am Dienstag abend der vorerst letzte Versuch einer Verhandlungslösung scheiterte.Vom Stuttgarter Arbeitgeberverband stammt auch der Vorschlag, in einer außerplanmäßigen Schlichtung einen Kompromiß zu suchen.Insgesamt sieben IG-Metall-Bezirke haben bei der Gewerkschaftsspitze Urabstimmungen beantragt.Es wird erwartet, daß IG Metall und Arbeitgeber noch vor einem möglichen Streikbeginn Anfang März versuchen werden, zu einer Lösung am Verhandlungstisch zu kommen.

Die Arbeitgeber boten bisher eine Erhöhung der Einkommen von 2,3 Prozent und eine ertragsabhängige Einmalzahlung von 0,5 Prozent des Jahreslohnes an.Die IG Metall ist mit einer Forderung nach 6,5 Prozent angetreten.Führende Gewerkschafter hatten in den vergangenen Tagen deutlich gemacht, daß die Beschäftigten "eine Vier vor dem Komma" erwarteten.

Ob Hans Koschnick schlichten kann, ist indes unklar.Es gebe erhebliche Probleme, den 69jährigen kurzfristig von seinen Verpflichtungen im Kosovo zu befreien und nach Deutschland zu holen, berichtete "Welt am Sonntag".Koschnick hat Erfahrungen in Tarifkonflikten: Erstmals 1996 und dann noch einmal 1998 agierte er als Schlichter für die Arbeitnehmerseite im Tarifstreit des öffentlichen Dienstes.

Der Verhandlungsführer der baden-württembergischen Metallarbeitgeber, Klaus Fritsche, zerstreute unterdessen Hoffnungen auf eine schnelle Schlichtung."Wir sollten ein angemessenes Tempo anstreben, dürfen aber nichts übereilen.Was wir in fünf langen Verhandlungsrunden nicht geschafft haben, kann auch ein exzellenter Schlichter nicht in fünf Stunden bewerkstelligen", sagte er der "Welt am Sonntag".

Gesamtmetall-Präsident Stumpfe unterstrich in einem Interview der Ludwigshafener "Rheinpfalz", daß eine Erhöhung der Bezüge zwischen 2,5 bis drei Prozent liegen müsse: "Wenn wir unserer Verantwortung gerecht werden wollen, müssen wir uns ganz streng an diese Marschzahl halten." In der "Bild am Sonntag" betonte er die Notwendigkeit flexibler Regelungen: "Um den Flächentarifvertrag für unsere 7000 Mitgliedsunternehmen erhalten zu können, müssen wir eine neue Klausel in die Vereinbarung aufnehmen: Ein kleinerer Teil der Lohnerhöhung sollte abhängig von der wirtschaftlichen Lage des einzelnen Betriebes gezahlt werden.Aber nicht nach Gutsherrenart frei von den Arbeitgebern entschieden, sondern nur mit Zustimmung des jeweiligen Betriebsrates.Wenn die Arbeitnehmervertretung nicht einverstanden ist, bleibt es bei der gesamten Lohnerhöhung", sagte Stumpfe.Zugleich begrüßte der Gesamtmetall-Chef den Einigungsappell von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), der Arbeitgeber und Gewerkschaften am Freitag aufgerufen hatte, einen Streik unbedingt zu vermeiden.Stumpfe sagte: "Ich teile die Sorgen des Bundeskanzlers ohne jeden Vorbehalt und stimme ihm zu, daß wir alles unternehmen müssen, um den Tarifkonflikt auf friedliche Weise zu lösen, damit ein Arbeitskampf vermieden wird."

Bundesarbeitsminister Walter Riester (SPD) sieht in der Einschaltung eines Schlichters die Chance, einen Arbeitskampf zu verhindern.Riester sagte dem Kölner "Express": "Das setzt aber voraus, daß die Arbeitgeber ein deutlich verbessertes Angebot vorlegen.Beide Seiten müssen wissen, daß es mit einem Arbeitskampf nur schwieriger wird, zu einem Abschluß zu kommen."

Der Berliner Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Kromphardt, der am 1.März Mitglied im "Rat der fünf Weisen" wird, hält Tariferhöhungen von durchschnittlich drei Prozent für angemessen.Der "Stuttgarter Zeitung" sagte Kromphardt, solch ein Lohnabschluß, der je nach Branche etwas abweichend ausfallen könnte, beeinträchtige nicht die Beschäftigung "und zwar weder auf der Kosten- noch auf der Nachfrageseite".

Unterdessen warnte auch der Wirtschaftssachverständige Rolf Peffekoven vor den gesamtwirtschaftlichen Folgen eines Streiks in der Metallindustrie.Komme es zu einem Arbeitskampf, so werde das angestrebte Wirtschaftswachstum von real plus zwei Prozent in diesem Jahr nicht zu erreichen sein, sagte Peffekoven, der Mitglied im Rat der "fünf Weisen" ist, am Sonnabend im Saarländischen Rundfunk.Dies wiederum werde neue Probleme auf dem Arbeitsmarkt und in den öffentlichen Haushalten zur Folge haben.Als ökonomisch vertretbar bezeichnete das Sachverständigenrats-Mitglied einen Lohnanstieg von 3,0 bis 3,5 Prozent."Wenn nicht in letzter Minute ein Schlichter gefunden werden kann, dann wird es Anfang März zu einem Streik in der Metallindustrie kommen", sagte Peffekoven.Derzeit befinde man sich ohnehin in einer konjunkturellen Abschwächung.Durch den Streik werde diese Situation verschärft.

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