Wirtschaft : Geschäfte hinter dem Schleier

Hugh Pope

Siham Abu Rashid darf nicht Auto fahren. Sie muss Gesicht, Kopf und Körper mit einem schwarzen Schleier bedecken, wenn sie ihre Wohnung verlässt. Und als sie kürzlich ihr Handy registrieren lassen wollte, verlangte der Angestellte einen Fingerabdruck statt einer Unterschrift. Früher waren die meisten saudi-arabischen Frauen Analphabeten.

All dies hat Siham Abu Rashid nicht davon abgehalten, eine saudi-arabische Geschäftsfrau zu werden. Die 30-jährige Innenarchitektin ist eine von Tausenden saudi-arabischer Frauen, die ihr eigenes Unternehmen managen - angefangen von Computerdienstleistungen über Boutiquen bis zu anderen kleinen Einzelhandelsunternehmen. Das ist kein geringes Kunststück. In dem Königreich verbieten ultrakonservative gesellschaftliche Regeln und der Islam fast jeden Kontakt zwischen den Geschlechtern.

Seit dem Ende des Taliban-Regimes in Afghanistan ist Saudi-Arabien wieder der strikteste islamische Staat der Welt. Doch in jüngster Zeit ist das saudi-arabische Regime etwas toleranter geworden. Frauen erhalten nun einen eigenen Ausweis. Noch wichtiger dürfte aber sein, dass Frauen jetzt 54 Prozent der saudi-arabischen Studenten stellen. 1965 gab es nur ganze 70 Studentinnen. In den vergangenen sieben Jahren hat sich außerdem die Zahl von Frauen an den technischen Hochschulen auf 63 500 verzehnfacht.

Mit der Bildung kam auch die Karriere. In der Hauptstadt Riad beispielsweise hat sich die Zahl der weiblichen Mitglieder der Handelskammer auf rund 2400 vervierfacht. In der Hafenstadt Jidda ist etwa ein Viertel der Privatunternehmen in der Hand von Frauen. Natürlich ist die Zahl in Wahrheit kleiner. Viele Frauen stehen nur mit ihrem Namen für Unternehmen, die in Wirklichkeit Verwandten gehören, die Staatsdiener sind. Denn Beamte dürfen in Saudi-Arabien weder Eigentümer noch Manager von Privatunternehmen sein.

Doch wie Abu Rashid bahnen sich viele Saudi-Arabierinnen wie Abu Rashid mühevoll einen Weg vorbei an den saudi-arabischen Gesetzen. "Man arbeitet um die Restriktionen herum", sagt Mayan Kurdi, die 1999 ein Website-Design-Unternehmen mit dem Namen "Netpeople" gegründet hat. "Diskretion ist das Schlüsselwort." So machten Frauen für ihre Unternehmen keine Werbung aus Angst, staatliche Stellen auf sich aufmerksam zu machen, erklärt Kurdi. "Wir gewinnen alle unsere Kunden über Mundpropaganda", sagt die 30-Jährige. Trotz dieser Schwierigkeiten weist Kurdi das westliche Stereotyp über saudi-arabische Frauen zurück. "Dass wir unterdrückt sind, ist Unsinn", sagt sie.

Die Wohnungsdesignerin Abu Rashid ist der gleichen Meinung, auch wenn es für sie nicht einfach war. Nachdem sie die Schule beendet hatte, eröffnete sie 1991 zunächst ein Frauenbekleidungsgeschäft. Als das Geschäft nach vier Jahren schließen musste, machte Abu Rashid aus ihrem Hobby Wohnungseinrichten einen Beruf. Die Mutter von vier Kindern belegte bei einem Unternehmen in Florida einen Fernstudiumskurs für Inneneinrichtung. Und startete dann 1996 Sam Designs. Arbeiten tut sie zu Hause. Wenn Abu Rashid auf dem Weg zu Kunden oder Möbelherstellern die Stadt durchquert, sitzt der sudanesische Fahrer der Familie am Steuer des Autos. Nach dem islamischen Gesetz dürfen Frauen zwar Autofahren. Doch viele Islamisten halten an dem saudi-arabischen Gesetz fest, das Frauen das Fahren verbietet.

Nichtsdestotrotz muss sie Mittel finden, wie sie das Tabu umgeht, dass Frauen keinen geschäftlichen Kontakt mit Männern haben dürfen. Deshalb wurde die Innenarchitektin auch nervös, als ein Kunde sich als Mitglied der religiösen Polizei herausstellte. Erst als sie den Mann und seine Frau zu Hause traf, erfuhr sie, dass der Mann für die so genannte Mutawwa arbeitete. "Ich hatte ein bisschen Angst", sagt sie. Letzten Endes "haben sie mir den Auftrag nicht gegeben - vielleicht, weil ihnen der Preis nicht gefiel. Aber er verlor kein Wort darüber, dass ich diesen Beruf ausübe".

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