Wirtschaft : Geschichte wiederholt sich – zumindest an der Börse

Nicht zum ersten Mal stürzen die Aktienkurse ab. Die Erfahrung zeigt, welche Papiere auch in der Krise Gewinne versprechen

Michael R. Sesit

Es klingt in diesen unsicheren Zeiten wie ein ziemlich simpler Anlagetipp: Wenn Sie daran denken, Aktien zu kaufen, kaufen Sie nur die Besten. Aber was sind die Besten? Einige meinen, es seien die Unternehmen, die Jahrein, Jahraus an der Spitze standen. Andere glauben, es seien die Unternehmen mit solidem, aber unterschätztem Wachstumspotenzial. Doch welche Theorie stimmt?

Für Michael Hartnett sind es derzeit die Konzerne mit solider Liquidität und starken Marken. Der 36-jährige Brite ist Chefstratege für Europa bei Merrill Lynch in London und hat auch nicht bessere, übernatürliche oder hellseherische Fähigkeiten als andere. Wie die Strategen in anderen Firmen versucht Hartnett seinen Kunden dabei zu helfen, Geld in einem Markt zu machen, in dem die Ängste der Anleger im selben Maße zunehmen, wie die Aktienkurse nachgeben.

Er beschloss, vergleichbare Marktsituationen aus der Vergangenheit zu untersuchen. Weil er von 1991 bis 1997 in Japan gelebt hatte, interessierte er sich besonders für die Erfahrung dieses Landes mit seinem ausgedehnten, bewegten, aber generell rückläufigen Markt.

Hartnett fand heraus, dass in einem Umfeld niedriger Renditen und instabiler Devisenmärkte Unternehmen mit starker Liquidität und Spitzenmarken andere deutlich übertrafen. In Japan waren „gute Firmen mit einem guten Management, guten Marken, guten Produkten und guten Bilanzen die Sieger. Das heißt, die Qualität siegte“, sagt er. Hilfreich war auch ein starker Export. Noch hilfreicher war es, wenn die Firmen umstrukturierten. Aber quantitative Analysen zeigen, dass Liquidität der stärkste Garant für Rendite in einem instabilen, unsicheren Markt ist. Die Beispiele: Honda verzeichnete bei seiner Aktie in diesem Zeitraum einen Kursgewinn von 268 Prozent, Sony von 172 Prozent, Toyota von 153 Prozent und Canon von 122 Prozent.

In diesem Jahr fallen weltweit die Aktienkurse. Die Anleger werden mit Fragen, Fragen und noch mehr Fragen konfrontiert. Wird es einen Irak-Krieg geben? Wird er die größten Demokratien der Welt oder Europa entzweien? Wird er lange dauern? Wird er der Funke sein, der eine globale Kursrallye entfacht, wie viele Experten vermuten? Hartnett von Merrill Lynch glaubt, seine Beobachtungen in Japan könnten nervösen Anlegern den Weg weisen. Er rechnet damit, dass „die Anleger Unternehmen mit starken Bilanzen, starkem Management und insbesondere starken Marken bevorzugen werden“.

Seine Liste der besten Unternehmen weist unter anderem den deutschen Autobauer BMW, den britischen Getränkehersteller Diageo, das deutsche Stromunternehmen Eon, die britische BSkyB Group, den holländischen Nahrungsmittelkonzern Unilever, die dänische Danske Bank und den französischen Mineralölkonzern TotalFinaElf aus. Unter den US-Konzernen fiel die Wahl unter anderem auf den Discounter Wal-Mart, die Arzneimittelhersteller Pfizer und Johnson & Johnson, IBM, den Konsumwarenhersteller Procter & Gamble und das Informatikunternehmen First Data.

Natürlich sind die Analysten von Merrill Lynch nicht die Einzigen, die derartige Listen erstellen. Der Finanzdienstleister Morgan Stanley bietet Kunden einen „Competitive Edge Strategic Equity Portfolio“ an, kurz STEP, einen Fonds, der 38 Konzerne umfasst, die „eine dauerhafte Überlegenheit gegenüber ihren Konkurrenten demonstriert haben“. Der Fonds besteht aus Unternehmen, die sich durch große Liquidität und Kapitalausstattung auszeichnen und weltweit operieren. Und das sind Firmen wie 3 M, American International Group, Astra-Zeneca, die britische BP, die kanadische Barrick Gold, Citigroup, die irische CRH, General Electric, Home Depot, Honda, die britische HSBC Holdings, Microsoft, Oracle, Pepsi, Sony und die Schweizer Bank UBS.

Lehman Brothers bietet eine Liste für den US-Markt und eine für Europa an. Auf der europäischen Liste, die im Dezember erstellt wurde, finden sich die schweizerische Personalagentur Adecco, der schwedische Schließsystem-Hersteller Assa Abloy, BSkyB, die dänische Brauerei Carlsberg, France Télécom, HSBC, Porsche, die britische Software-Firma Sage, der italienische Ölkonzern Saipem und der schweizerische Versicherer Zürich Financial Services.

Aber wie gut sind die Gurus? Lehmanns europäischer Fonds ist seit dem 9. Dezember um 8,5 Prozent zurückgegangen. Auch Morgan Stanleys STEP ist hinter den Erwartungen zurück geblieben. Wenn Sie all diesen Anlagestrategien deshalb nicht trauen, dann setzen Sie lieber auf Ihr Sparschwein. Lassen Sie es nur nicht fallen.

Texte übersetzt und gekürzt von Karen Wientgen (Weill), Svenja Weidenfeld ( Geldanlage), Matthias Petermann (Motassadeq), Christian Frobenius ( Vogelfang) und Gregor Hallmann (Internet).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben