Wirtschaft : Geschlossene Gesellschaft

Eine Karriere in der Wissenschaft ist riskant. Denn längst nicht jeder bekommt nach der Habilitation tatsächlich auch einen Ruf zum Professor

Kristin Kruthaup
Hörsaal ade. Professorenstellen sind rar. Wer es bis ganz oben auf der wissenschaftlichen Karriereleiter schaffen will, braucht ein prominentes Forschungsthema. Foto: dpa
Hörsaal ade. Professorenstellen sind rar. Wer es bis ganz oben auf der wissenschaftlichen Karriereleiter schaffen will, braucht...Foto: gms

Nicht wenige Nachwuchsforscher stehen vor einem Problem. Nach der Promotion und oft mehreren Jahren wissenschaftlicher Tätigkeit und Habilitation sehen sie plötzlich keine Berufsperspektive mehr in der Wissenschaft. Bleibt der Ruf auf eine Professur aus, stehen so manche von ihnen plötzlich auf der Straße.

„Vielen droht dann die persönliche Katastrophe“, sagt Ute Heckel von Kisswin.de, einem Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, das junge Wissenschaftler bei der Karriereplanung unterstützt. Denn es gibt an deutschen Universitäten kaum Stellen für Forscher unterhalb der Professur. Gleichzeitig sind die meisten jedoch nach der Habilitation bereits zu alt und zu hoch spezialisiert, um noch eine weitere Karriere in der Wirtschaft zu starten, sagt Heckel. Der durchschnittliche Nachwuchsforscher war im Jahr 2009 bei Abgabe der Habilitation laut Statistischem Bundesamt 40,7 Jahre alt.

Junge Menschen, die eine Karriere an der Hochschule planen, müssen deshalb von Anfang an strategisch denken und vorausschauend planen.

„Man sollte von vornherein versuchen, sich zu diversifizieren und nicht alles auf eine Karte zu setzen“, erklärt Heckel. Denn ist die Karriere in der Wissenschaft erst einmal in die Sackgasse geraten, ist es oft zu spät, um noch die Notbremse zu ziehen.

Der Weg zur Professur führt in Deutschland durch drei Phasen. Zunächst müssen Nachwuchswissenschaftler nach dem Studium erfolgreich die Promotion abschließen. Während dieser Zeit finanzieren sich die meisten über eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität oder ein Stipendium. Einige arbeiten auch schon in der Wirtschaft nebenher. Viele wissen in dieser Zeit meist nicht, ob sie später in der Wissenschaft bleiben möchten.

Danach kommt die Postdoktorandenphase. „Diese Phase ist in Deutschland kaum strukturiert“, sagt Patricia Schneider von Thesis, einem interdisziplinären Netzwerk für Promovierende und Promovierte. Es gibt weniger Stipendienprogramme und weniger Stellen an den Universitäten. Diese Phase kann bis zu sechs Jahre dauern und ist geprägt von hohem Leistungsdruck. Denn in dieser Zeit müssen sich die Forscher einen Namen machen: Sie müssen Publikationen sammeln, Drittmittel einwerben und Lehrerfahrung bekommen.

Auf großem Fuß leben die meisten Postdoktoranden in dieser Zeit allerdings nicht: Laut dem Bundesbericht zum Hochschulnachwuchs aus dem Jahr 2008 verdient der wissenschaftliche Nachwuchs in Deutschland im Durchschnitt im Jahr etwa 41 000 Euro brutto. „Die meisten müssen in der Post-Doc-Phase auch noch total flexibel sein, was den Wohnort angeht“, sagt Schneider. Was die Sache nicht einfacher macht, ist, dass viele in dieser Zeit gerne mit der Familiengründung beginnen würden. „Viele Frauen steigen deshalb nach der Promotion aus“, so Schneider.

Wer sich dennoch dafür entscheidet, konkurriert am Ende der Postdoktoranden-Phase mit vielen Mitbewerbern um die wenigen Professoren-Stellen. Insgesamt gab es im Jahr 2009 laut Statistischem Bundesamt 40 165 Professorenstellen. Davon gingen theoretisch im Jahr 2010 rund 900 Professoren in den Ruhestand, sagt Thomas Weise vom Statistischen Bundesamt. Gleichzeitig reichten 1820 Nachwuchsforscher ihre Habilitation im Jahr 2009 ein.

Auch wenn die Fakten ernüchternd sind: Ute Heckel von Kisswin.de glaubt, dass eine Karriere in der Wissenschaft durchaus planbar ist. „Man muss nur sein Umfeld sehr gut kennen und ehrlich zu sich selbst sein.“ Sie rät Nachwuchswissenschaftlern, schon bei der Wahl des Forschungsgegenstands darauf zu achten, ob das bearbeitete Thema populär ist. Denn es sei leichter, eine Professur in einem Fach zu finden, das gerade Konjunktur hat, als in einem Gebiet, das total randständig ist.

Klappt es trotz eines populären Themas mit dem Ruf auf eine Professur nicht, bleiben vier Möglichkeiten: „Ein Job in der Industrie, ein Job als Lehrer in der Schule, die Selbstständigkeit oder ein Job im Wissenschaftsmanagement“, sagt Schneider. Die Industrie ist für Geisteswissenschaftler meistens allerdings keine Option. Denn im Gegensatz zu Naturwissenschaftlern und Ingenieuren sind sie dort kaum gefragt, auch wenn sie mit ihrer Habilitation genauso Durchhaltevermögen bewiesen hätten.

Stellen im Wissenschaftsmanagement sind an der Schnittstelle zwischen Forschung und Universitätsverwaltung angesiedelt. Das kann etwa beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) oder beim Max-Planck-Institut sein, sagt Schneider.

Und anders als in der Wirtschaft habe man zu diesen Institutionen schon während der Postdoktorandenphase Kontakt.

Eine andere Alternative sei der Lehrerberuf, sagt Schneider. Das sei eine Option, die besonders die Geisteswissenschaftler häufig in Betracht ziehen würden. In der Regel muss hier allerdings das Staatsexamen nachgeholt werden. In einigen Bundesländern sei aber ein Quereinstieg möglich.

Selbst wenn es also mit der Karriere in der Wissenschaft nicht klappt, gibt es für Nachwuchsforscher durchaus Alternativen. Der Plan B muss jedoch rechtzeitig geschmiedet werden. dpa

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben