Wirtschaft : Gespanntes Publikum beim ersten Arbeitstag

ROLF OBERTREIS (MAIN)

FRANKFURT .Es ein historisches Ereignis.Trotzdem wird es lautlos vonstatten gehen.Die Europäische Zentralbank (EZB) nimmt am heutigen Dienstag in Frankfurt ihre Arbeit auf, einen Monat früher als geplant.Eine Woche später trifft sich erstmals der Rat der EZB, künftig eines der mächtigsten Gremien in Europa.Offiziell übernimmt die EZB das geldpolitische Zepter zwar erst am 1.Januar 1999, wenn der Euro kommt.Aber faktisch wird sie die Europäische Währungsunion schon in den sieben Monaten bis zum eigentlichen Start immer fester schmieden.

Das Umfeld für den Start der EZB ist günstig: Die Zinsen sind niedrig, die Inflation ist im Griff.Die Konjunktur in Europa läuft gut.Das Statut der EZB gilt als noch besser als das der Bundesbank, das Direktorium steht für unabhängige, strikt stabilitätsorientierte Geldpolitik.Selbst der Unmut über das Gezerre um die Berufung von Wim Duisenberg zum EZB-Präsidenten hat sich rund vier Wochen nach dem Brüsseler Gipfel verzogen.

Trotzdem muß sich die EZB jetzt erst einmal ein Standing erarbeiten.Sie wird nicht nur an ihrer Geldpolitik gemessen, die sie ab Januar 1999 umsetzen muß.Man wird auch genau darauf schauen, wie sie die noch anstehenden Entscheidungen über Strategie und Instrumente fällt.Zudem wird man beobachten, ob die Banker aus elf europäischen Ländern im EZB-Rat wirklich europäisch agieren - oder zuweilen nationale Sichtweisen die Argumentation bestimmen.Faktisch sind sie absolut unabhängig: Keine Regierung, kein Brüsseler Eurokrat kann ihnen reinreden.

Das Publikum ist gespannt.Werden Computersystem und Software, die der EZB-Vorläufer, das Europäische Währungsinstitut (EWI), in den vergangenen Jahren für das historisch einmalige Ereignis aufgebaut haben, alle Tests bestehen? Mit allergrößter Spannung wird die Öffentlichkeit darauf schauen, wie die EZB ihre Politik und ihre Entscheidungen dem Bürger auf der Straße vermittelt.Stellen die Eurobanker Transparenz und Erklärungsfreude in den Vordergrund? Oder beschränken sie sich auf dürre, nichtssagende Mitteilungen?

So blaß und zugeknöpft wie das EWI darf sich die EZB jedenfalls nicht präsentieren.Klar ist: Entpolitisiertes Geld kann es nicht geben.Geldpolitik ist ein wichtiger Teil der Politik.Viel Raum für Spekulationen darf die EZB deshalb nicht lassen.Das irritiert nicht nur die Finanzmärkte.Es würde dem Euro nicht guttun und beim Bürger den Eindruck hervorrufen, daß man im 35.Stock des Frankfurter Eurotowers das Erdgeschoß nicht mehr wahrnimmt und agiert wie im luftleeren Raum.Keine Frage: Je transparenter die EZB nach außen wirkt, desto größer ist ihre Glaubwürdigkeit.

Trotzdem begibt sich der EZB-Rat auf eine Gratwanderung: Er trägt ein außergewöhnlich hohes Maß an Verantwortung.Seine Geldpolitik trifft elf verschiedene Volkswirtschaften, und er beeinflußt den Wert einer Währung, die schnell zur zweitwichtigsten der Welt aufsteigen dürfte.Die Dame und die 16 Herren müssen ihre Entscheidungen nicht nur der europäischen Öffentlichkeit erläutern, sondern auch in der jeweiligen Heimat.Rein äußerlich steht die EZB auf solidem Grund.Ihr inneres Gerüst muß freilich noch wachsen, ihr Ruf erst noch gedeihen.

Ein Renommee wie das der Bundesbank muß hart erarbeitet werden.Doch das Ziel lohnt: Schließlich kann nur ein stabiler Euro den wirtschaftlichen Segen bringen, der mit der Währungsunion verbunden sein soll.

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