Wirtschaft : Gespenster

Bernd Matthies

Sie möchten gewöhnliche Schweizer sein, die Meijers, doch die anderen lassen sie nicht. Nicht 1871, als Charles Lewinskys Familiensaga in Endingen, einem Dorf im Aargau, einsetzt, nicht 1893, als die erste Volksinitiative in der Geschichte des Landes den Juden das Schächten von Tieren verbietet, auch nicht 1913, 1937 oder 1945, den weiteren, klug gewählten Stationen dieser monumentalen Geschichte. Der Vorabend des Ersten Weltkriegs, die Zeit der Mobilmachung der nazistischen „Fröntler“, schließlich Bilanz und schwieriger Neuanfang – ein zeitlicher Rahmen, der die Weltpolitik geradezu zwingend mit der Geschichte der Landjuden in der Schweiz verbindet. Der Autor hat die erzählerische Kraft, dieses Panorama über fünf Generationen zu spannen, er malt die Milieus einer versunkenen Welt mit ungeheurer Akribie und Farbenpracht und schafft es, die Geschichte leichtfüßig laufen zu lassen, auch dort, wo ihm vermutlich eher nach Heulen zumute war.

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Hinter dem Alltag lauert ständig das Gespenst des Antisemitismus; Onkel Melnitz, zu Romanbeginn bereits verstorben, begleitet die Verwandtschaft als Untoter und erkennt die Zeichen der aufkommenden Hatz als Erster. Salomon Meijer und seine Nachfahren kämpfen einen dauernden Kampf zwischen Integration und Abschottung, jeder spiegelt eine Variante jüdischen Schicksals – doch immer, wenn etwas schief geht, so lernen sie, ist in den Augen der anderen der Jude schuld. Die Geschichte kommt ein wenig langsam in Gang, ächzt manchmal etwas unter einer Lawine von Details, und oft muss der Leser zum Verständnis der jiddischen und hebräischen Vokabeln das Glossar heranziehen. Doch das sind nur kleine Einwände gegen ein Epos, dessen Figuren Lewinsky, ein bekannter Schweizer TV-Autor, mit geradezu filmischer Authentizität zum Leben erweckt.

Charles Lewinsky: Melnitz. Roman. Nagel & Kimche, München. 774 Seiten, 24,90 €.

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