Wirtschaft : Gesucht: die Dienstleistungskultur

Der Handel in der Krise / Ist das Schlagwort von der Serviceorientierung nur eine Mär?

BERLIN (chi).Die Vision will nicht verblassen: In wenigen Jahren schon könnte sich das "Einkaufserlebnis" gewaltig verändert haben.Denn was spricht dagegen, daß die Computerkids von heute demnächst das Schlangestehen an den Ladenkassen meiden und die Waren per Mausklick ordern ­ vom Gemüse bis zum Maßanzug, der direkt und billiger aus Hongkong geliefert wird? "Ein Großteil der Verkaufsflächen werden nur noch Abholflächen sein", spekulierte Lothar Mahnke vom Prognos-Institut am Dienstag abend beim "Treffpunkt Tagesspiegel" zum Thema "Der Handel im Jahr 2010". Eines wurde bei der Diskussion schnell deutlich: Nach Jahren kontinuierlicher Umsatzrückgänge sind den Spekulationen über die Zukunft des Handels Tür und Tor geöffnet.Glaubt man dem Geschäftsführer des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels, Robert Weitz, hat die Talfahrt überhaupt erst begonnen, wird es bis zum Jahr 2010 noch ein "Hauen und Stechen" geben.Helmut Koprian dagegen, Mitglied der Geschäftsführung der ECE Projektmanagement GmbH, die zahlreiche Einkaufscenter auch in Berlin betreibt, warnte, "die unwahrscheinliche Dynamik" in der Branche zu unterschätzen.Viele Vertriebsformen seien neu aufgeblüht, ­ die Spezialläden im Lebensmittelhandel etwa, vom Tee bis zum Putenfleisch.Mit Flexibilität und Fantasie werde der Handel die Krise meistern. Sind Dienstleistungen die Rettung für den Handel? Weitz blieb skeptisch: "Alle reden von der Dienstleistungsgesellschaft, doch wir haben in Deutschland keine Dienstleistungskultur." Schuhputzer, wie in den USA, hätten hierzulande keine Chance.Entscheidend sei noch immer der Preis, nirgendwo sonst in Europa seien die Spannen im Handel so niedrig wie hierzulande, sagte auch Allkauf-Chef Eugen Viehof.Und das dürfte für viele so bleiben.Angesichts der Arbeitslosigkeit und der sich abzeichnenden sozialen Spreizung, orakelte Erfolgsautor Günter Ogger, werde für 80 Prozent der Bevölkerung der Preis entscheidend sein. Den Trendforschern zufolge aber gibt es durchaus Hoffnung: Der Anteil der Über-60jährigen, so Prognos-Experte Mahnke, wird in Deutschland rapide steigen, stärker als in anderen Industriestaaten, ebenso der Anteil der Single-Haushalte.Das eröffne Perspektiven für neue Vertriebsformen, vom Lieferservice nach Hause oder ins Büro über den rund um die Uhr geöffneten "convenience-store" um die Ecke bis hin zum "rollenden Supermarkt" auf dem Land.Und vielleicht wirkt die Krise heilend.Schließlich, so Verbandssprecher Weitz, sind "die Großen im Handel in der Krise stark geworden."

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